Deutsche Schwimmer : Zu wenig Härte, zu viel Macht

Unser Schwimm-Experte Frank Bachner über die Probleme der deutschen Schwimmer.

Frank Bachner

Viele deutsche Schwimmer in Peking sind an ihrer Psyche gescheitert. Körperlich, das haben die Trainingszeiten gezeigt, das haben die Bestzeiten vor Peking gezeigt, waren sie in Form. Aber viele deutsche Schwimmer verkrampfen, wenn sie unter Druck kommen. Und Olympia - das ist ein Höchstmaß an Druck. Aber der Druck allein ist nicht der Grund für die Probleme des deutschen Schwimmens, es gibt viele Faktoren:

Psyche: Deutsche Schwimmer fallen vor allem durch Klagen auf. Sie kritisieren, dass Startblöcke zu steil sind (WM 2003), sie schimpfen über den Lärm der Straße vor dem Hotel (WM 2005), sie beklagen sich über Schwimmanzüge (WM 2007), eine endlose Flut. „Bei anderen Nationen", sagt der Würzburger Trainer Stefan Lurz, Coach und Ehemann von Vize-Weltmeisterin Annika Lurz, „hört man das nicht."

Und warum bei den Deutschen? Was steckt dahinter? Thomas Rupprath, vielfacher Kurzbahn-Europa- und -Weltmeister sagt: „Dieses Aufregen über Kleinigkeiten ist ein Zeichen von Schwäche, eigentlich darf man sich gar nicht dafür interessieren. Die haben alle Angst zu versagen. Die machen sich selber Druck und spüren Druck von außen. Wenn ich auf dem Startblock stehe kann es mir doch scheißegal sein, wie der Startblock ist. Der ist doch für alle gleich. Wenn ich selbstbewusst bin, dann darf mich das alles nicht interessieren."

Dieses Phänomen des Jammerns ist allerdings auf die Beckenschwimmer begrenzt. Die Freiwasserschwimmer, die Leute, die sich fünf, zehn, 25 Kilometer durchs Meer quälen, die kennen das nicht. Stefan Lurz trainiert auch seinen Bruder Thomas, mehrfacher Weltmeister. Thomas Lurz startete im Mai 2008 bei den Weltmeisterschaften vor Sevilla. „Da", sagt Stefan Lurz, „hat dem jemand den Becher mit dem Kohlenhydratkonzentrat aus der Hand geschlagen. Der hatte deshalb nichts im Magen, das ist fatal. Auf den letzten 500 Metern war Thomas fertig, da war nur noch der eiserne Wille. Der sah aus wie eine Leiche, als er raus kam." Aber Lurz wurde noch Dritter.

Und zwei Tage später gewann er Gold über fünf Kilometer.

„Die Freiwasserleute, die schwimmen in den dreckigsten, fiesesten Tümpeln", sagt Thomas Rupprath. „Die jammern nicht. Aber wir, wir sagen, Scheiße, wenn die Leine nicht ok ist. Das ist ein Luxusproblem, das ist eine Kopfsache. Thomas Lurz ist der größte Kämpfer, den wir haben, kaum einer kann sich so quälen wie er. Er ist ein Mensch, der sich wenig Gedanken macht wie das Wasser ist. Ob es grün oder blau ist. Aber ich sage: Dieses Scheißbecken, diese Scheißleine, da schwimme ich zwei Zehntelsekunden langsamer."

Rupprath schwamm in Peking über 100 Meter Rücken fast zwei Sekunden an seiner Bestzeit vorbei. „Da muss man sich ja fast entschuldigen. Das hat mit Hochleistungssport nichts zu tun", sagte er danach frustriert.

Nervös vor einem Start sind auch die Athleten anderer Nationen. Aber sie treten anders auf als die Deutschen, selbstbewusster. Man kann das sehr gut im call room sehen, dem Warteraum vor einem Rennen, wo die Athleten zusammensitzen. Hier findet der eigentliche Psychokrieg statt. Stefan Lurz war öfter dabei, wenn er seine Frau Annika, eine Beckenschwimmerin, begleitete. „Die US-Amerikaner kommen immer zu spät, rituell", sagt er. „Und wenn sie kommen, dann lärmen sie, dann klatschen sie sich ab, dann feuern sie sich an." Und sie zeigen, wie lässig sie das alles angeblich betrachten. Bei der WM 2007 in Melbourne marschierte eine US-Schwimmerin in rosa Stiefeln in den call room. Dieses Selbstbewusstsein ist teilweise reine Show, aber es ist natürlich auch Ergebnis eines knüppelharten Trainings. Das eine bedingt das andere.

Trainingshärte: „Australier und US-Schwimmer trainieren härter als die Deutschen", sagt Stefan Lurz. „Es gibt in Deutschland Sportler, die trainieren am Tag 20 Kilometer. Das sind Langstreckenleute, bei denen ist das nötig. Aber es gibt Beckenschwimmer, die machen nur acht. Die Kluft dürfte nicht so groß sein."

Beckenschwimmer Jan Wolfgarten, auf Langstrecken spezialisiert, trainierte sechs Jahre lang in den USA, in Florida, in einer Uni-Mannschaft mit Weltklasseleute, darunter dem Olympiasieger über 200 Meter Rücken, Ryan Lochte. Er kennt den Druck und den Stress, der auf diesen Athleten lastet. Wolfgarten sagt: „Wenn diese Trainer in Deutschland so mit Sportlern umgingen, wie sie das zu Hause machen, würden hier alle durchdrehen. Da wird teilweise krass geredet. Da werden Sportler vor dem ganzen Team bloß gestellt." Wenn einer dreimal im Jahr unentschuldigt zu spät kommst, ist er raus, egal wie er heißt.

Zum Programm gehören auch Vorträge eines Army-Offiziers. Der redet dann über Teamgeist. „Da können wir Deutsche uns etwas abschneiden", sagt Stefan Lurz.

Wettkampfhärte: Die deutschen Schwimmer lassen sich vor einer großen Zuschauerkulisse beeindrucken. Das hat man in Melbourne gesehen, bei der WM 2007, als 15 000 Menschen in der Rod-Laver-Halle saßen. Das hat man in Peking gesehen, wo 17000 Menschen auf der Tribüne schrieen. Und sie lassen sich zudem beeindrucken von den Weltklasseleuten, die plötzlich neben ihnen stehen. Sie sind es nicht gewöhnt, das ist das Problem. „Wir in Deutschland haben es versäumt, die Topwettbewerbe zu besetzen, dort wo die Weltklasse ist", sagt Lurz. „Die anderen sind nicht schockiert, wenn sie gegen Stars antreten müssen."

Die Europameisterschaft 2008 haben mehrere deutsche Spitzenschwimmer ausgelassen, weil sie nicht in Bestform antreten konnten. Sie bereiteten sich auf die Olympiaqualifikation vier Wochen später vor. „Da hatten einige Angst vor einer Niederlage", sagte der deutsche Cheftrainer Örjan Madsen. Zum Start zwingen konnte er sie nicht. Viele hatten schlicht nicht die Qualifizierungszeiten erreicht. Weil sie es nicht wollten, vermutet ein hochrangiger deutscher Trainer.

In den USA zum Beispiel kennt man solche Probleme nicht. Alle Stars treten für Uni-Mannschaften an, sie haben deshalb schon innerhalb der Trainingsgruppe ständig harte Konkurrenz. Dazu kommt, dass solche Uni-Teams ständig gegeneinander antreten und damit permanenter Wettkampfstress ist. Die Deutschen, schlägt Lurz vor, könnten zum Beispiel öfter Wettkampftermine mit den Holländern ausmachen. Die verfügen auch über Spitzenschwimmer. Aber? Warum passiert das nicht? „Das Problem ist", sagt Lurz, „dass der Sponsor Ärger macht, wenn sein Sportler verliert, weil er aus vollem Training heraus verliert."

Die Macht der Sportler: Es gibt in Deutschland Stützpunkte, in denen Spitzensportler zusammengefasst sind. Aber sie sind nicht vergleichbar mit den Trainingsgruppen in Australien oder in den USA. Solche Stützpunkte machen ja nur Sinn, wenn die optimale Zahl von Athleten dort versammelt ist, um einen ständigen Konkurrenzdruck zu erzeugen. Doch in den deutschen Stützpunkten sind oft zu wenig Topleute auf gleichem Niveau.

Man könnte natürlich die Sportler an wenigen Stutzpunkten zusammenziehen. Doch das verhindert das deutsche System. Denn kein Verein oder Stützpunkt will Sportler abgeben. Je mehr gute Leute er hat, umso mehr Fördergelder erhält er, von den Sponsoren und aus öffentlichen Töpfen.  Wenn er wenige hat, dann will er die wenigen halten. Das bedeutet aber auch, dass der Sportler weiß, welche Macht er hat. Wenn ihm was nicht passt, muss er bloß mit seinem Weggang drohen.

„Das Problem ist", sagt Stefan Lurz, „dass Sportler teilweise zu viel mitreden und versuchen sich einzumischen. Sie machen nicht oft genug, was der Trainer verlangt." Wenn er sich zum Beispiel mit seiner Frau oder seinem Bruder zerstritte, hätte sein Verein, Würzburg 05, und der gesamte Standort Würzburg ein Problem. „Aufgrund von Annika und Thomas haben wir viel Geld für die Sanierung des Hallenbads erhalten. Diese Sanierung war dringend nötig." Lurz hat das Glück, „dass die beiden sich nicht einmischen". Wenn doch, „dann habe ich ein Problem".

Sport/Ausbildung: In den USA ist das Studium exakt abgestimmt auf das Training. Jan Wolfgarten studierte Sportwissenschaften in Florida, er hatte dort viel weniger Aufwand als in Deutschland. Weniger Prüfungen, weniger Stunden, und bei Prüfungen wurde auch mal nachsichtig geurteilt.

In Deutschland ist das in diesem Maße nicht möglich. Das bedeutet aber ein Riesenproblem für die Sportler. Denn in anderen Ländern trainieren die Stars wie Profis. „In Deutschland wird jetzt angedacht, eine bessere Kooperation von Schule und Universitäten zu erreichen", sagt Stefan Lurz. In Würzburg, wo er gute Drähte zur Leitung der Universität besitzt, gibt es Chancen, so ein Modell durchzuziehen.

Im Fall der Lehramtsanwärterin Annika Lurz scheiterte es aber an der Praxis. „Sie hätte so eine Kooperation haben können", sagt Stefan Lurz, „aber das hätte nur Sinn gemacht, wenn sie mit dem Studium begonnen hätte." Jetzt ist sie sie kurz vor Ende des Studiums. Sie hätte lange aussetzen müssen mit dem Studium, das wollte sie nicht mehr.

Aber es gibt Fälle, da funktioniert es. Lurz hat sechs Sportler, die in Würzburg studieren. Am Anfang der Saison sagt der Trainer zu seinen Athleten: „Ich brauche eure Prüfungstermine." Dann redet er mit den Professoren. Ergebnis: „Es kommt selten vor, dass Sportler wegen einer Prüfung das Training ausfallen lassen müssen."

Dopingkontrollen: Niemand weiß derzeit sicher, ob die Stars aus den USA, Australien oder anderen Nationen gedopt sind. Klar ist nur, dass in Deutschland das Doping-Kontrollsystem ganz gut ist, jedenfalls in Vergleich zu den USA. Jan Wolfgarten hat es erlebt. Sechs Jahre war er in Florida. In diesen sechs Jahren ist er nie im Training kontrolliert worden. Seit er wieder in Würzburg ist, kamen die Fahnder in sechs Monaten sechs Mal.

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