Deutsche Skispringer bei der Vierschanzentournee : Kollektives Lampenfieber

Auch nach dem Team-Gold bei Olympia in Sotschi fehlt den deutschen Skispringern noch die Siegermentalität. Bei der aktuellen Vierschanzentournee machen andere Nationen den Titel unter sich aus.

Mehr Schatten als Licht. Severin Freund galt als Mitfavorit – derzeit liegt er in der Tourneewertung nur auf Rang zwölf. Foto: dpa
Mehr Schatten als Licht. Severin Freund galt als Mitfavorit – derzeit liegt er in der Tourneewertung nur auf Rang zwölf. Foto: dpaFoto: dpa

Um einen Sprung von Severin Freund einzuschätzen, genügt es, in das Gesicht des Bundestrainers auf dem Trainerturm zu blicken. Während Freunds Anfahrt im ersten Durchgang des Neujahrsspringens neigte sich Werner Schusters Kopf leicht zur Seite, beim Absprung hob der Bundestrainer sein Kinn mit einem Ruck nach oben und anschließend beschrieb sein Kopf mit einer Drehung Flug und Landung seines Skispringers. Sogar das Ergebnis lässt sich sofort erkennen: Ärgerlich schüttelte der Bundestrainer den Kopf und kniff beide Lippen aufeinander. Wieder nichts.

Die deutschen Skispringer und die Vierschanzentournee finden seit 13 Jahren nicht mehr zueinander. Seit Sven Hannawalds historischem Vierfachtriumph 2002 werden die deutschen Skispringer bei der Tournee von größeren und kleineren Misserfolgen begleitet. Was Werner Schuster nonverbal auf dem Trainerturm ausdrückte, fasste er einige Stunden später auf dem Podium eines Partenkirchener Hotels in Worte. „Die nackten Zahlen nach vier Wettkampfspringen sind ernüchternd“, sagt der Bundestrainer zur Halbzeit der Tournee, „die Zahlen sind nicht das, was wir uns vorgestellt haben.“

„Die Resultate sagen aus, dass wir noch nicht so weit sind“, sagt Bundestrainer Schuster

Severin Freund und Richard Freitag liegen nach den Springen von Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen in der Gesamtwertung nur auf den Plätzen 12 und 13, dabei hatte das deutsche Team um den Turniersieg mitspringen wollen. „Das war eine realistische Ansage, ich hatte das Gefühl, wir können mit breiter Brust reingehen, das Umfeld war vorbereitet“, sagte der Bundestrainer. Umso ernüchternder ist es für ihn, dass vor dem dritten Springen mit den Österreichern Stefan Kraft und Michael Hayböck sowie dem zweitplatzierten Slowenen Peter Prevc andere Nationen den Titel unter sich ausmachen. „Die Resultate sagen aus, dass wir noch nicht so weit sind“, stellt Werner Schuster fest.

Dabei glaubten sich alle im deutschen Team seit der vergangenen Saison auf dem richtigen Weg. 2014 versagten den deutschen Springern zwar ebenfalls bei der Vierschanzentournee die Nerven, dafür krönten sie sich beim olympischen Mannschaftsspringen in Sotschi mit einer Goldmedaille. Das war zuletzt 2002 der Generation um Sven Hannawald gelungen. Und wer glaubte, die deutschen Springer könnten es nur gemeinsam, dem bewies Severin Freund mit seinem Einzeltitel als Skiflugweltmeister das Gegenteil.

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„Sotschi hat uns zum ersten Mal gezeigt, dass wir die Besten der Welt sein können, wenn wir am Tag X alle Sachen beieinander haben“, sagt Horst Hüttel, der im Deutschen Skiverband als Sportlicher Leiter für Skispringen und Nordische Kombination verantwortlich zeichnet. „Trotzdem sehe ich uns nach wie vor in einem Entwicklungsprozess“, erklärt Hüttel, „wir sind im Skisprung noch nicht da, wo ich gerne wäre und wo wir zum Beispiel in der Nordischen Kombination schon sind.“

Nach wie vor fehlt es Severin Freund und Richard Freitag an Siegermentalität. „Wir müssen komplettere Skispringer werden“, fordert Werner Schuster. „Wir haben gute Springer, aber wir haben keinen Messi.“ Im Weltcup funktioniert sein Team schon sehr gut, wie die Siege von Freund und Freitag in der aktuellen Saison beweisen. „Doch bei besonderen Events scheint die Stressresistenz noch nicht entwickelt zu sein“, sagt Werner Schuster. „Man muss als Gesamtpersönlichkeit echt weit sein, wenn zehn oder zwölf Tage lang zum richtigen Moment die richtigen Sprünge kommen sollen.“ Hin und wieder aber gibt es zwar auch einen Tourneesieger wie den letztjährigen Nobody Thomas Diethard aus Österreich, der bis zum letzten Springen auf einer Wolke des Erfolges schwebte. Doch auch solch ein Glück fehlt dem deutschen Team bislang. „Bei uns ist die Tournee noch nie ein Selbstläufer geworden“, sagt Werner Schuster, „wir müssen es uns schon sehr hart erarbeiten.“

Olympiasieger Andreas Wank ist in die zweite Reihe zurückgestuft worden

Dass die Goldmedaille vielleicht doch weniger bewirkt hat, als man dachte, zeigt auch das Beispiel Andreas Wank. Der Olympiasieger von Sotschi ist nach schwachen Leistungen vom Bundestrainer in die zweite Reihe zurückgestuft worden. „Er hat desaströse Leistungen geboten und hat seinen Olympiabonus aufgebraucht“, sagt Werner Schuster. „Er muss sich im Kontinentalcup neu sortieren.“

Das gilt, allerdings nicht in derart drastischer Weise, auch für sein gesamtes Team. In Innsbruck in der Qualifikation am Samstag (14 Uhr, live in ZDF und Eurosport) und im Wettbewerb am Sonntag (14 Uhr, live in ZDF und Eurosport) soll sein Team Erfolgserlebnisse sammeln. „Wir müssen dann besser Skispringen, wenn es zählt“, sagt Werner Schuster. Er hat nun weitere Ziele der Saison aufgestellt. Alle deutschen Springer, außer Michael Neumayer, können noch ihr bestes Ergebnis bei einer Vierschanzentournee erzielen. „Danach kommen einige Mammutschanzen, da können wir den deutschen Rekord nach oben schrauben“, sagt Schuster.

Und dann wartet bei der Nordischen Skiweltmeisterschaft in Falun im Februar die wichtigste Aufgabe. Schuster: „Wir wollen eine Einzelmedaille bei der WM, davon lassen wir uns nicht abbringen.“ Zumal das deutsche Skisprung-Team seit dem letzten Jahr weiß, dass die Saison nach einer schlechten Tournee noch eine sehr erfreuliche Wendung nehmen kann.

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