Deutsche Tischtennis-Frauen unterliegen Singapur : An der Sensation vorbei

Im Viertelfinale der Tischtennis-Weltmeisterschaft in Dortmund wachsen die deutschen Frauen über sich hinaus – und verlieren 2:3 gegen Titelverteidiger Singapur.

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Dramatisch. Wu Jiaduo vergibt die erste deutsche Siegchance gegen Singapur. Foto: dapd
Dramatisch. Wu Jiaduo vergibt die erste deutsche Siegchance gegen Singapur. Foto: dapdFoto: dapd

Irene Ivancan versteckte die Augen hinter ihrer Hand. Beinahe hatte sie das scheinbar Unmögliche geschafft und die deutsche Mannschaft mit dem entscheidenden Punkt zum Sieg gegen die Weltmeisterinnen geführt. In einem dramatischen Viertelfinale bei der Mannschafts-Weltmeisterschaft in Dortmund verloren die deutschen Tischtennisspielerinnen 2:3 gegen Titelverteidiger Singapur. Für Singapur spielen drei Chinesinnen, und wenn der Vorsprung Chinas vor dem Rest der Welt bei den Herren eine kleine Welt ist, sind es bei den Frauen mehrere Welten.

9500 Zuschauer waren am Freitag in die Westfalenhalle gekommen. Sie glaubten, nach dem Viertelfinale der Männer schon das Beste gesehen zu haben. 3:0 hatte die deutsche Mannschaft gegen Schweden gewonnen, sich mit einer souveränen Leistung ins Halbfinale an diesem Samstag gegen Japan befördert (13 Uhr. live bei ARD Festival). Dimitrij Ovtcharov, Timo Boll und Patrick Baum ließen den Schweden keine Chance, nur Boll gab einen Satz und nahm es gelassen: „Im Viertelfinale einer WM spielen keine Suppenkasper mehr, da kann man auch mal einen Satz verlieren.“ Die Schweden hatten noch einmal den 45-Jährigen Jörgen Persson aufgestellt. Aber auch er konnte die Deutschen nicht einschüchtern und unterlag Ovtcharov mit 0:3-Sätzen. Noch haben die deutschen Herren kein Einzel bei dieser WM verloren.

Einige hundert Zuschauer hatten danach die Halle verlassen – die deutschen Frauen gegen Singapur, das konnte nur langweilig werden. Wer geblieben war, den hielt Irene Ivancan fest. Sie spielt für den Berliner Bundesligaklub TTC Eastside und besiegte die Weltranglistenfünfte Feng Tianwei furios mit 3:0. Anschließend erhöhte Wu Jiaduo mit einem nicht weniger sensationellen 3:0 gegen die Weltranglistenachte Wang Yuegu auf 2:0. In den Gruppenspielen hatte die deutsche Mannschaft noch 0:3 gegen Japan verloren und dabei nicht den Eindruck erweckt, bei diesem Turnier über sich hinauswachsen zu können. Jetzt war sie mitten dabei. Kristin Silbereisen hätte sogar schon den Siegpunkt erreichen können. Sie lag zwar 0:2 nach Sätzen gegen Li Jiawei zurück, kämpfte sich dann aber in den entscheidenden fünften Satz. Dort wehrte sie fünf Matchbälle ab, ehe sie doch noch 12:14 verlor.

Die deutschen Frauen hatten dem Verband vor der WM noch einige Sorgen bereitet. Vor wenigen Wochen sprachen sich die Nationalspielerinnen geschlossen gegen Bundestrainer Jörg Bitzigeio aus. Er lasse ihnen zu wenig Freiraum, verlange zu viel bis hin zur Ernährung und versuche, das chinesische Modell auf Deutschland zu übertragen, das alles dem Tischtennis unterordnet.

Die sportliche Leitung des Deutschen Tischtennis-Bundes hatte ein Einsehen und wechselte Bitzigeio gegen die ehemalige Weltklassespielerin Jie Schöpp aus. Ob der furiose Auftritt gegen die Weltmeisterinnen nun an Bitzigeios hartem Training liegt oder an Schöpps guter Betreuung?

Zwei Siegchancen hatte die deutsche Mannschaft noch. Die erste vergab Wu Jiaduo, sie unterlag Singapurs Spitzenspielerin Feng Tianwei 1:3. Blieb Irene Invancans Spiel gegen Wang Yuegu. Den ersten Satz entschied Ivancan gleich 11:9 für sich, den zweiten verlor sie, den dritten holte sie sich wieder mit ihrem vielseitigen Spiel aus Abwehrbällen mit der Rückhand und offensiven Vorhand-Topspins. Die Stimmung in der Halle erreichte ihren Höhepunkt.

Es passte zu diesem Spiel, dass Wang Yuego den vierten Satz für sich entschied und den fünften und letzten Satz erzwang. Dort unterlag Ivancan 4:11 und griff sich nach dem letzten Ball an den Kopf – im Bewusstsein, gerade eine ganz große Sensation verpasst zu haben.

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