Sport : Deutsche Turner gewinnen nach Aufholjagd EM-Silber

Jürgen Roos

Lausanne - Es gibt Dinge, die Kunstturner überhaupt nicht mögen: Wenn die Dramaturgie das Pauschenpferd als letztes Gerät in einem wichtigen Wettkampf vorsieht, zum Beispiel. Spielen da die Nerven nicht mit, kann man leicht abstürzen. Bei der Europameisterschaft in Lausanne mussten die deutschen Turner zum Schluss ans Pferd – sie blieben oben und erkämpften sich Silber. Damit bestätigten das Team von Bundestrainer Andreas Hirsch nach einer atemberaubenden Aufholjagd, dass WM-Bronze vom vergangenen Herbst kein Zufall war.

Dabei hatte es nach den ersten beiden Geräten nicht einmal nach einer Medaille ausgesehen. Der Cottbuser Robert Juckel musste an den Ringen im Handstand nachdrücken und hatte auch nach seinem Sprung über den Tisch mit Standproblemen zu kämpfen – zwischenzeitlich rangierte die DTB-Riege nur auf Platz sechs. Juckel setzte sich frustriert in die Aufwärmhalle ab, legte seine Lieblingsmusik auf und konzentrierte sich fortan auf die Wiedergutmachung zum Schluss. „Als erster Pferdturner hätte ich ja schon alles verspielen können“, sagte der Cottbuser.

Derweil gingen die anderen Deutschen, angeführt vom Reck-Weltmeister Fabian Hambüchen, zum Angriff über: Am Barren, Reck und am Boden hatte nicht nur der 20-Jährige aus Wetzlar keine größeren Patzer mehr, auch die anderen behielten die Nerven. Russland machte an der Spitze des Feldes Fehler, blieb aber dennoch unantastbar. Der Showdown am Pferd gegen die starken Rumänen konnte beginnen, mit dem besseren Ende für die Deutschen.

Anschließend gab Fabian Hambüchen die Parole für die nächsten Wochen aus: „Wir sind glücklich und noch motivierter für Peking.“ Nimmt man die EM als Generalprobe für die Olympischen Spiele, darf der Deutschen Turnerbund (DTB) in der Tat optimistisch nach China blicken. „Wir sind in der Weltspitze angekommen“, sagte DTB-Sportdirektor Wolfgang Willam, „wenn wir uns bei Olympia so präsentieren wie bei der WM in Stuttgart und hier, sieht’s gut aus.“ Hirsch versuchte sich als Statistiker: „Wir sind die Nummer zwei in Europa, das gab’s meines Wissens noch nicht.“ Mit Bronze hatten die Deutschen 1998 zum letzten Mal mit dem Team eine EM-Medaille geholt. Jürgen Roos

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