Deutscher Auftaktgegner : In Kanada schmilzt das Eis

Im traditionellen Eishockeyland Kanada erlebt Fußball derzeit einen großen Aufschwung – vor allem Mädchen melden sich in den Vereinen an.

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Kanadas erste Frau am Ball. Christine Sinclair schießt im Nationalteam Tor um Tor. In 159 Spielen hat sie 116 Tore erzielt. Foto: dapd
Kanadas erste Frau am Ball. Christine Sinclair schießt im Nationalteam Tor um Tor. In 159 Spielen hat sie 116 Tore erzielt.Foto: dapd

Sie kommen, wenn die Sonne geht. Raus aus den Studentenklamotten, rein in die blau-weißen Trikots und Shorts, und schon kickt ein Dutzend Spielerinnen der „York University Lions“ sich die Bälle auf dem grünen Rasen am nördlichen Stadtrand Torontos zu. Sie sind Anfang 20 und verkörpern mit ihrem Hochschulteam einen wachsenden Trend in Kanada: Fußball ist im geographisch zweitgrößten Land der Erde zur beliebtesten Sportart der jungen Generation geworden, wie die Statistikbehörde mit neuen Zahlen illustrierte. Damit hat Soccer, wie der Sport hier in Abgrenzung vom Football nordamerikanischer Prägung heißt, den eigentlichen kanadischen Nationalsport Eishockey sowie das lange vor allem bei Mädchen populäre Schwimmen auf Platz zwei und drei der Beliebtheit verdrängt.

Fast jeder zehnte Kanadier spielt inzwischen nach offiziellen Fifa-Zahlen Fußball. Für ein Land wie Kanada, das lange nur als Eishockey-Nation bekannt war, belegen die Zahlen einen bemerkenswerten Aufschwung. Vor allem unter Jugendlichen: Vier von zehn kanadischen Jungen und Mädchen spielen Fußball, die Vereine zählen doppelt so viel Mitglieder wie die Eishockey-Clubs. Wer im Sommer durch Großstädte wie Montréal, Vancouver oder eben Toronto spaziert, kann dem nur zustimmen: In jedem größeren Park und auf jedem Schulhof sieht man Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene Fußball spielen.

Und immer mehr Spieler sind weiblich, inzwischen rund 40 Prozent: „Fußball macht einfach mehr Spaß und ist zugänglicher als Eishockey – vor allem für Mädchen und Frauen“, sagt Felicia Turone. Die 20-jährige Studentin ist eine der Spielerinnen der „York University Lions“, die sich an jedem zweiten Abend zum Training auf dem öffentlichen Fußballfeld am Stadtrand treffen. „Unser Sport hat sich in den letzten Jahren vor allem dank der vielen Trainer sehr entwickelt, die aus Fußball-Ländern zu uns gekommen sind“, ergänzt ihre Freundin Sonia Sampogna, 19, die seit dem fünften Lebensjahr Fußball spielt.

So stammt beispielsweise Kanadas Nationaltrainerin Carolina Morace aus Italien. Wenn am Sonntag beim offiziellen WM-Eröffnungsspiel ihre Nationalspielerinnen gegen Deutschland antreten, sind sie zwar nur Außenseiter. „Aber wir haben nichts zu verlieren, der Druck liegt bei den Deutschen, wenn wir einen Punkt holen, wäre in der Gruppe alles offen“, sagt Kanadas Starspielerin Christine Sinclair, „wir haben eine gute Mischung in der Mannschaft und sind seit eineinhalb Jahren in einer sehr guten Form.“ Trotzdem gab es zuletzt eine 0:5-Niederlage im Testspiel gegen das deutsche Team.

„Im Vergleich zu Deutschland haben wir noch viel nachzuholen“, sagt Bruce Kidd, Sportprofessor an der Universität Toronto. „Jahrzehntelang wurde in Kanada Eishockey als Nationalsport aufgebaut – das hat eine große symbolische aber auch wirtschaftliche Bedeutung, die sich nicht eben mal eben ändert, nur weil heutzutage mehr Leute Fußball spielen.“ So erklärt er auch, dass es in der Sportberichterstattung in Kanadas Medien neben Eishockey nach wie vor primär um US-dominierte Sportarten wie Basketball und Baseball geht. „Das braucht seine Zeit, bis Fußball auch in den Medien nach und nach sichtbarer wird.“

Inzwischen hat die US-Profiliga MLS mit dem Toronto FC sowie den Vancouver Whitecaps und künftig auch Montréal Impact die ersten kanadischen Vereine aufgenommen. Internationale Wettbewerbe locken immer mehr Kanadier vor die Fernsehschirme – bei den vergangenen Fußball-Weltmeisterschaften der Männer gab es nach vielen Spielen spontane Feste in den Metropolen, in denen die Fans mit ausländischen Wurzeln – und das ist in Kanada fast jeder – die Teams ihrer Herkunftsländer feierten

Dass es so lange gedauert hat, bis die Sportart in Kanada diese Aufmerksamkeit bekam, erklärt Hobby-Fußballerin Carolyn McCaughey, die seit ihrer Kindheit spielt und jetzt als Mutter einer neunjährigen Tochter eine Torontoer Mädchenmannschaft trainiert, auch mit dem Klima: „Wir haben kurze Sommer, also eine kurze Fußballsaison – und sehr lange Winter, also eine sehr lange Eishockey-Saison.“ Das trage auch dazu bei, dass viele Universitäten nach wie vor ihre Förderprogramm für den sportlichen Nachwuchs auf Eishockey ausgerichtet hätten – in erster Linie für den männlichen Nachwuchs. Für Frauen gebe es inzwischen die ersten Förderprogramme für Fußballspielerinnen. Zwar noch auf niedrigem Niveau, aber schon deutlich mehr als noch vor wenigen Jahrzehnten: „In meiner Kindheit in den Siebzigerjahren musste ich in einem Jungenteam spielen, weil es keine Mädchenteams gab – das hat sich erst in den vergangenen Jahren langsam geändert.“ Inzwischen ist Fußball bei kanadischen Mädchen und jungen Frauen gerade beliebt, „weil es da weniger männliche Ellenbogen gibt als bei anderen Sportarten“, wie Professor Kidd sagt.

Wie stark die Anziehungskraft des neuen Trendsports in Kanada ist, wird man beim Eröffnungsspiel am 26. Juni in der Torontoer Innenstadt sehen: Auf einem der größten öffentlichen Plätze im Stadtzentrum wird das Match live übertragen, organisiert vom deutschen Konsulat mit Hilfe von Sponsoren und der öffentlich-rechtlichen Fernsehgesellschaft CBC. Bank-Managerin Sandy Bourne zumindest ist sich sicher, dass die Frauen-WM ein großes, kanadisches Volksfest wird: „Die Begeisterung für Fußball ist bislang mit jeder internationalen Meisterschaft gewachsen.“

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