Deutscher Fußball im Aufschwung : Zum Glück gezwungen

Die Niederlage gegen Australien kann nicht davon ablenken: Der deutsche Fußball steht gut da – auch dank der Einführung der Nachwuchszentren vor zehn Jahren.

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Die Stars von morgen: Fußballschüler beim Hamburger SV. Foto: picture-alliance/ dpa
Die Stars von morgen: Fußballschüler beim Hamburger SV.Foto: picture-alliance/ dpa

Wenn es nicht Zufall wäre, müsste man der Deutschen Fußball-Liga (DFL) zu diesem Termin einfach nur gratulieren. Die DFL hat zur Jubel-Pressekonferenz zu zehn Jahren Nachwuchszentren in den Borussia-Park geladen, wo die deutsche Nationalelf am Abend zwar mit 1:2 gegen Australien verlor, trotzdem aber ihre neuen, nahezu unbegrenzten personellen Möglichkeiten präsentierte. Vor exakt zehn Jahren hat ihre Generalversammlung eine Strategie-Entscheidung getroffen, die all das erst möglich gemacht hat: Wer eine Lizenz für die Bundesliga haben will, ist verpflichtet, ein eigenes Nachwuchsleistungszentrum zu betreiben.

Wenn Liga-Präsident Reinhard Rauball von einer Erfolgsstory spricht, muss man sich nur noch einmal daran erinnern, wie es vor zehn Jahren aussah. Es war die Zeit, in der Energie Cottbus erstmals in der Geschichte der Bundesliga eine Startelf mit elf Ausländern bestückte und die Nationalmannschaft bei der EM 2000 bereits in der Vorrunde ausschied. Immerhin verfügte sie noch über zwei Talente mit glänzenden Karriereaussichten: Sebastian Deisler und Michael Ballack. Aber sonst? Junge deutsche Profis gab es so gut wie gar nicht, dafür durfte ein knapp 40 Jahre alter Berufsjugendlicher namens Lothar Matthäus immer noch die Rolle des Liberos besetzen.

Ist das wirklich erst zehn Jahre her? Inzwischen verfügt der deutsche Fußball wieder über ein stabiles Reservoir an Talenten. Pro Jahr werden in den 36 Klubs 5000 Jugendspieler ausgebildet, und schon jetzt stammen mehr als die Hälfte aller aktuellen Profis (52,4 Prozent) aus den Leistungszentren. Am Ende der laufenden Saison werden die Gesamtinvestitionen seit ihrer Einführung auf mehr als 600 Millionen Euro angewachsen sein.

Das ist eine Menge Geld – und war einer der Gründe, warum es vor zehn Jahren auch Widerstände gegen die neuen Bestimmungen gab. „Nicht alle haben Hurra geschrien“, erinnert sich Andreas Rettig, Manager des FC Augsburg und Vorsitzender der Kommission Leistungszentren. „Wir mussten die Vereine zu ihrem Glück zwingen.“ Inzwischen zweifelt niemand mehr daran, dass der Weg der richtige war.

Trotz all der schönen Erfolge mahnt Rettig, nun „den nächsten Schritt in der Entwicklung“ zu machen. Es müsse eine engere und bessere Verzahnung zwischen Schule und Fußball geben, sagt er. „Da sind viele Länder dabei, uns zu überholen.“ Und auch den Abwerbeschutz hält er für ein wichtiges Thema, nicht erst seitdem der Streit zwischen Hertha BSC und der TSG Hoffenheim um zwei C-Jugend-Spieler der Berliner entbrannt ist. Roland Virkus, Nachwuchsmanager bei Borussia Mönchengladbach, findet solche Entwicklungen „schon bedenklich“. Gerade auf Hoffenheim ist er in diesem Zusammenhang, wie so viele in der Branche, nicht gut zu sprechen. Der Verein rühme sich seiner Nachwuchsarbeit, rekrutiere seine Spieler aber vor allem aus den Leistungszentren anderer Klubs. „Wie viele hat Hoffenheim denn wirklich selbst ausgebildet?“, fragt Virkus.

Borussia Mönchengladbach hat sich mit den regionalen Konkurrenten Bayer Leverkusen und dem 1. FC Köln verständigt, sich gegenseitig keine Jugendspieler abzuwerben. „Das funktioniert hervorragend“, sagt Virkus. Eine ähnliche Vereinbarung hat es auch ligaweit gegeben, nicht nur als Absichtserklärung, „sondern mit Blut unterschrieben“, wie Rettig sagt. „Das hat leider nicht lange gehalten.“ Das Problem war, dass die Jugendspieler zwar nicht mehr von der Bundesligakonkurrenz verpflichtet werden konnten, dafür aber von Klubs aus dem Ausland, vor allem aus England. Irgendwann wollten sich dann auch die deutschen Klubs nicht mehr daran halten.

Die DFL denkt nun darüber nach, eine Altersgrenze einzuführen, unterhalb derer die Abwerbung verboten ist. Auch soll der Einfluss von Spielerberatern beschnitten werden. „Mir ist nicht einsichtig, warum ein 14-Jähriger einen Spielerberater braucht“, sagt Rettig. „Da wird den Jugendlichen eine Pseudobedeutung vorgegaukelt, die uns das Leben schwer macht.“

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