Deutscher Gegner : Polnische Lust am Ball

Am Sonntagabend geht's gegen Polen: Bundestrainer Joachim Löw hat großen Respekt vor dem ersten EM-Gruppengegner. Sie sind noch stärker als vor zwei Jahren, sagt er. Damals gewann Deutschland 1:0 - aber erst in allerletzter Minute.

Stefan Hermanns[Ascona]
Wm 2006 Foto: dpa
Erste Sommermärchenstunde: 2006 besiegte Deutschland Polen mit 1:0. -Foto: dpa

Dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sich in diesen Tagen nahezu hermetisch von der Außenwelt abriegelt, führt nicht nur dazu, dass die Öffentlichkeit noch rätselt, was der Bundestrainer Joachim Löw für den Start der Europameisterschaft plant. Es hat auch den positiven Nebeneffekt, dass die Nationalmannschaft von äußeren Einflüssen wenig bis gar nichts mitbekommt. Selbst die dicksten Schlagzeilen der Boulevardpresse finden kaum Beachtung. Der Bundestrainer berichtete gestern, dass er zwar von den Geschmacklosigkeiten polnischer Zeitungen gehört habe, aber „ein Thema waren sie heute morgen nicht“. Löw beschäftigt sich lieber mit sportlichen Angelegenheiten, und was er in dieser Hinsicht aus Polen vernimmt, bereitet ihm eher Sorge als die medialen Auswüchse einzelner Krawallblätter. „Polen wird uns alles abverlangen“, sagt er über das erste EM-Spiel seiner Mannschaft am Sonntag in Klagenfurt.

Zu einem breiteren Publikum ist diese Erkenntnis noch nicht durchgedrungen, und das hängt vor allem mit dem letzten Spiel beider Mannschaften bei der WM 2006 zusammen, in dem die Deutschen die Polen klar beherrschten, sie sich etliche Chancen erarbeiteten und trotzdem erst in letzter Minute durch ein Tor des eingewechselten Oliver Neuville 1:0 gewannen. Fast auf den Tag genau zwei Jahre sind seit diesem Spiel in Dortmund vergangen, und noch immer tragen die Deutschen es wie einen Schatz in ihrem Herzen. Für die Begegnung in Klagenfurt jedoch besitzt diese Erinnerung so gut wie keinen praktischen Wert.

Personell wird sich die polnische Mannschaft gar nicht so sehr von der des Jahres 2006 unterscheiden, trotzdem erwartet Bundestrainer Löw einen wesentlich stärkeren Gegner als bei der WM, als Polen nach der Vorrunde ausschied. „Die Mannschaft hat eindeutige Fortschritte gemacht – durch Leo Beenhakker“, sagt Löw. „Sie hat die Qualifikation fast problemlos bewältigt und ist von ihrem System her klar.“

Ohne den Holländer Beenhakker wäre die Entwicklung der polnischen Mannschaft zu einem ernstzunehmenden Gegner nicht denkbar gewesen. „Er genießt bei mir eine sehr hohe Achtung“, sagt Löw. „Er ist kompetent, menschlich sehr zugänglich und offen.“ Diese Achtung wird dem 65-Jährigen inzwischen auch in Polen entgegengebracht. Dabei war die Öffentlichkeit anfangs eher skeptisch: ein Ausländer als Nationaltrainer, ein vermeintlich alter Mann, der noch nie ein WM-Spiel gewonnen hat, weder 1990 mit Holland, noch 2006 mit Trinidad & Tobago, sich nie für eine EM qualifiziert hat und dann auch noch ein für polnische Verhältnisse gigantisches Gehalt (600 000 Euro im Jahr) verdient. „Die ganze Stimmung um die Nationalmannschaft war nach der Weltmeisterschaft ziemlich negativ“, sagt Beenhakker. „Es war nicht leicht, unter diesen Bedingungen etwas aufzubauen.“

Innerhalb weniger Monate hat Beenhakker das trotzdem geschafft. Spätestens im Herbst 2006, als die Polen ihr EM-Qualifikationsspiel in Portugal gewannen, kippte die Stimmung. Es war das erste Zeichen, dass die Arbeit des neuen Trainers zu fruchten begann. Der Holländer, der gerade mal ein paar Brocken Polnisch spricht, gilt inzwischen als Kulttrainer. Was er sagt, hat in Polen ein ähnliches Gewicht wie in Deutschland die Auslassungen Franz Beckenbauers.

Beenhakker hat vor allem psychologisch gewirkt. Den polnischen Fußballern sind Selbstzweifel nicht fremd, sie haben Angst sich zu blamieren – entsprechend traten sie bei der WM auf. Ohne Risiko, nur auf Sicherheit bedacht. Damals in Dortmund kannte ihr Spiel nur ein Ziel: bloß kein Tor zu kassieren. Beenhakker hat den Polen nicht nur diese Zweifel ausgetrieben, er hat ihnen auch die holländische Lust auf den Ball beigebracht.

Am Sonntag wird die Mannschaft ganz anders auftreten als vor zwei Jahren bei der WM. Sie wird versuchen, die Deutschen zu überraschen, und gerade in der Anfangsphase großen Druck aufbauen. Denn eins hat sich auch unter Leo Beenhakker nicht geändert. Richtig gut spielen die Polen immer dann, wenn sie führen.

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