Sport : Deutscher Schwimmverband: Eine Bootsfahrt, um den Teamgeist zu stärken

Frank Bachner

Marburg war nicht bloß ein Termin, Marburg war ein Befehl. Marburg war so etwas wie ein Hinweis darauf, dass Ralf Beckmann nicht bloß auf dem Papier der Chef ist. Ein ziemlich deutlicher Hinweis. In Marburg fand vor 14 Tagen eine Trainertagung statt, und Beckmann, der neue Chef-Bundestrainer des Deutschen Schwimmverbandes (DSV) hatte eingeladen. Einladung war aber nur die offizielle Bezeichnung, in Wirklichkeit verlangte Beckmann die Anwesenheit. Wer absagte, musste schon mit einem Todesfall in der Familie kommen. Oder ähnlichem, alles andere akzeptierte Beckmann nicht. So etwas aber waren die deutschen Top-Trainer nicht gewohnt. Zumindest nicht die Jüngeren unter ihnen.

In Marburg redete Beckmann dann über eine Stunde. Er redete über Strukturen, referierte über Details, aber sein wichtiges Worte war "Wir-Gefühl". Beckmann ist so etwas wie ein autoritärer Motivationskünstler, jedenfalls versucht er sich in dieser Rolle. Er muss schließlich die deutschen Schwimmer wieder in die Spitze der Weltklasse führen. Von dort hatten sich die Deutschen in Sydeny 2000 mit drei Bronzemedaillen und internem Streit erstmal verabschiedet. Anschließend wurden die Bundestrainer Manfred Thiesmann und Achim Jedamsky zurückgestuft, und Beckmann, früher Schwimmwart des DSV, noch früher Cheftrainer in Wolfsburg, kam.

Heute beginnen in Braunschweig die Deutschen Schwimmmeisterschaften, für den neuen Cheftrainer Beckmann der erste sportliche Wettkampf-Höhepunkt. Der 54-Jährige, von den erfahrenen Athleten als Persönlichkeit anerkannt, will wieder Teamgeist haben, das ist für ihn das Wichtigste. Deshalb versammelt er an Christi Himmelfahrt alle Stars, die sich in Braunschweig für die WM in Japan qualifizieren, in Kassel zu einer Bootsfahrt. Dort wird dann ein Experte über Sitten und Gebräuche im WM-Land Japan referieren. Die Hälfte seiner Zuhörer wird dabei zwar wegdösen, aber wenigstens sind die Top-Leute zusammen. Das ist für Beckmann das Wichtigste.

Zuerst aber werden sich die Sydney-Teilnehmer am Sonntag in Braunschweig zusammensetzen. Eine Aussprache ist fällig. "Die hätte eigentlich viel früher stattfinden sollen", sagt Beckmann. Gut, kommt sie halt jetzt. Aber spätestens da wird klar werden, dass solche Mätzchen wie bei der 4-x-100-m-Freistil-Staffel in Sydney mit Beckmann nicht laufen. Da setzten die Heimtrainer Bernd Henneberg und Dirk Lange durch, dass ihre Schützlinge Antje Buschschulte beziehungsweise Sandra Völker am Start respektive am Schluss schwimmen durften. Auf diesen Positionen waren sie am längsten in der Kamera zu sehen, und das erhöhte den Werbewert. Leider ist Buschschulte eine miserable Startschwimmerin, und die Deutschen landeten gerade mal auf Rang vier.

Beckmann möchte nun, dass Trainingspläne koordiniert werden, dass an einem bestimmten Wochenende in allen Stützpunkten gleichzeitig zu einem bestimmten Thema (etwa Wenden) trainiert wird und dass die Top-Leute an den Stützpunkten intensiver als bisher miteinander trainieren. Außerdem sollen Trainingspläne besser aufeinander abgestimmt werden. In Sydney hatte die 30 Schwimmer noch eigene Pläne.

Beckmann ist bis jetzt vor allem viel gereist, wirklich passiert ist noch nicht viel. Aber sein Ziel ist Olympia 2004. Und damit dort mehr als drei Medaillen herauskommen, hat der erfahrene Trainer Horst Melzer, früher Coach von Weltrekordler Mark Warnecke, noch einen Vorschlag zu bieten: "Ein Team von wissenschaftlichen Experten muss in Länder fahren, deren Schwimmer Topleistungen zeigen." Ihr Auftrag: herausfinden, wie die das machen. Anders gesagt: eine Art Industriespionage.

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