Sport : Deutscher Sportbund: Lieber Bambi als Jubiläum

Ernst Podeswa

Als Boris Becker den Tennisschläger in die Ecke stellte, wollte er kurzzeitig auch Präsident des Deutschen Tennisbundes (DTB) werden. Und in seinem Selbstverständnis dachte er, es genüge dafür, ihm wohl gesonnene Journalisten davon zu informieren. Dass da Lobbyarbeit bei den für die Präsidentenwahl zuständigen Vertretern der Landesverbände vonnöten sei, hatte der dreimalige Wimbledonsieger nicht bedacht. Oder vielleicht nicht gewusst.

Denn der ehemalige Tennisprofi steht nicht allein in seiner Unbedarftheit gegenüber Verbandsstrukturen. Oder gegenüber dem Tun des Deutschen Sportbundes (DSB), unter dessen Dach sich die Sportfachverbände und alle Landessportbünde (LSB) versammeln. Und der in dieser Woche in Hannover das 50-jährige Bestehen feierte.

Becker war zu dieser Festveranstaltung eingeladen, zog aber den Auftritt im Focus der Fernsehkameras bei der Bambi-Verleihung vor. Nicht eingeladen waren beim DSB-Jubiläum dagegen andere Größen des deutschen Sports: Michael Schumacher, Jan Ullrich, Henry Maske oder Steffi Graf.

Wahrscheinlich können sie mit dem Kürzel DSB kaum mehr als Becker anfangen, denn den entscheidenden Abschnitt ihrer Karriereleiter bis ganz nach oben haben sie nicht unter dem Dach der mit "27 Millionen größten Personenvereinigung Deutschlands" bewältigt. Sondern als Angestellte oder Geschäftspartner - als Berufssportler - von Managern oder Unternehmen.

"Ganz ohne Frage hat sich außerhalb oder parallel zum DSB und seinen Fachverbänden ein völlig neue Sportlandschaft in Deutschland entwickelt", sagt Dr. Dietrich Gerber, Chef einer Berliner Brauerei und Vizepräsident Leistungssport im LSB. Da sei der Bereich des Fit- und Funsports, oft betrieben in kommerziellen Fitnesscentern oder Bodybuilder-Studios. Oder aber der in der Öffentlichkeit und in den Medien mit größter Aufmerksamkeit verfolgte Profisport.

Die Eishockeyspieler haben sich als erste von den bisherigen Verbandsstrukturen verabschiedet und den eigenständigen Profibereich DEL im Deutschen Eishockeybund (DEB) gegründet. Zeitweilig drohte da sogar die Bildung einer "wilden Liga", völlig unabhängg vom DEB. Die Basketballer haben nachgezogen, die Fußballer gerade einen separaten Ligabereich unter dem Dach des DFB beschlossen. Dortmund ist als Aktiengesellschaft an die Börse gegangen, Hertha BSC will sich dieser Richtung mit der gegründeten Kommanditgesellschaft auf Aktienbasis nähern. Aber nicht nur die Mannschafts-Sportarten gehen den Weg zu Strukturen, die es fast 50 Jahre beim DSB nicht gab. "Ich könnte mir auch im Leichtathletik-Verband einen getrennten Profibereich gut vorstellen", sagte Florian Schwarthoff (OSC Berlin), in Sydney als Sechster bester deutscher 110-m-Hürdenläufer.

Auch im Schwimmen, im Radsport ohnehin, dürfte man über künftig getrennte Sparten - hier Breitensport, dort Profiabteilung - intensiv nachdenken. Zumal der DSB selbst mit seinem Leistungssportausschuss (BL)in Auswertung des Medaillendefizits von Sydney "professionellere Strukturen" in den Verbänden angemahnt hat.

Berlins LSB-Vizepräsident Gerber betrachtet diese Entwicklung skeptisch, "weil sich die Dinge teilweise verselbständigen". Kritisch wertet er auch die Rolle des DSB, der sich bisher kaum zum Umgang mit dem Profisport artikuliert hat. Mitunter wird der DSB auch als größter Lobbyverbund Deutschlands bezeichnet, weil er auf wichtige Dinge wie den Schulsport oder den Leistungssport in den Verbänden keinen direkten Einfluss hat.

Dietrich Gerber hält die bisherige Sprachlosigkeit des DSB zum Profisport für ein Versäumnis. Schon im August, bei der Wahl von Peter Hanisch als Nachfolger Manfred von Richthofens als LSB-Präsident, nannte er die Bereiche Medien (Internet) und Kontakte zu Berlins Profiklubs Hertha, Capitals, Eisbären und Alba als neue Schwerpunkte für die Zukunft. "Es herrscht im Moment eine Entfremdung zwischen Profisport und dem DSB. Dabei gibt es Schnittstellen, die Kommunikation und Kooperation erfordern. So entwickeln sich bei uns die Talente, die dann zumeist ohne Ausbildungsentschädigung von den Profivereinen auf den Markt gebracht werden." Darüber müsse man sich ebenso verständigen wie über "ungesunde Tendenzen", wenn Vereine "lieber für 20 Millionen Mark Spieler aus dem Ausland holen, wo sie doch für drei Millionen Talente im Lande zur gleichen Qualität ausbilden könnten." Gerber plädiert dafür, dass man die Statuten verändern müsse, um den Profisport in modernisierte Strukturen des DSB zu integrieren.

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