Sport : Deutscher Tag bei der EM

Zweimal Gold, einmal Silber, einmal Bronze – und noch ein Staffelweltrekord

-

Es regnete in Strömen, egal. Die Frauen neben dem Startblock sechs hüpften rhythmisch, lachten und klatschten. Eigentlich bildeten sie ein Quartett, aber die Vierte pflügte gerade durchs Wasser. Annika Liebs aus Würzburg sicherte der deutschen 4-x-200-Meter-Freistil-Staffel im Schwimmstadion von Budapest gerade einen neuen Weltrekord. Nach 7:50,82 Minuten schlug Liebs an, und über ihr strahlten Petra Dallmann, Daniela Samulski und Britta Steffen. Sekunden später winkten sie ins Publikum. Zweiter Weltrekord für eine deutsche Frauen-Freistilstaffel bei der EM, zweite phantastische Zeit. Die 4-x-100-Meter- Freistil-Staffel hatte den Weltkord am Montag um fast eine Sekunde verbessert, gestern unterboten die Deutschen die alte Bestmarke der USA (7:53,42) um rund zweieinhalb Sekunden. Vor allem aber unterboten sie den Europarekord (7:55,47) noch viel deutlicher. Den hatte die DDR aufgestellt – vor 19 Jahren.

Der Weltrekord war der Höhepunkt eines deutschen Tages bei der EM. Helge Meeuw sicherte sich Gold über 50 Meter Rücken, Antje Buschschulte und Janine Pietsch holten Silber und Bronze über 100 Meter Rücken. Aber selbst diese Medaillen verblassten neben dem Gold der Staffel. „Das ist der Hammer“, sagte Petra Dallmann, die Startschwimmerin. Eigentlich ist sie nervenstark, „aber diesmal hatte ich richtig Angst. Die anderen hatten so starke Schwimmerinnen an die erste Position gesetzt, direkt neben mich“. Dallmann steigerte ihre Bestzeit um eine halbe Sekunde (1:59,14), aber sie schlug nur als Zweite an.

Doch Daniela Samulski, als Zweite im Wasser, setzte sich bald in Führung. Als Britta Steffen, die Weltrekordlerin über 100 Meter Freistil, ins Wasser sprang, lag die deutsche Staffel schon auf Weltrekordkurs. Steffen schwamm 1:57,77 Sekunden, eine ausgezeichnete Zeit für sie. Den Höhepunkt innerhalb dieser Staffel bot allerdings Annika Liebs. Die 26-Jährige schwamm nur 1:55,64 Minuten. Damit blieb sie genau eine Sekunde unter dem Weltrekord von Franziska van Almsick. Auch hochgerechnet auf ein Einzelrennen, mit längerer Reaktionszeit am Start, lag sie noch unter van Almsicks Rekord. „Wir sind alle über uns hinausgewachsen“, sagte sie. Daniela Samulski sagte nur: „Unfassbar“. Bundestrainer Manfred Theismann hatte am Nachmittag noch damit gerechnet, dass die Deutschen eine Sekunde hinter den Engländerinnen bleiben würden. Doch die landeten nur auf Platz vier.

Ein paar Minuten zuvor hatte Helge Meeuw erklärt: „Ich bin erleichtert.“ Gold über 50 Meter Rücken entschädigte für seine bisher eher mäßigen Auftritte. „Der Start war ausgezeichnet, ich hatte auch einen sehr guten Anschlag“, sagte er. Normalerweise dreht er sich beim letzten Zug noch einmal um, eine Aktion, die Zeit kosten kann. Diesmal verzichtete er darauf. Das war auch notwendig. Schließlich lag der Grieche Aristeidis Grigoriadis nur acht Hundertstelsekunden hinter dem zweifachen Europarekordler. Der hatte schnell wieder den Sinn für Ironie gefunden. „Ich wollte das Rennen kurz gestalten, das ist mir gelungen“, sagte der 21-jährige Meeuw.

Für zweifelhafte Aktionen kurz vor dem Anschlag hatten weder Antje Buschschulte noch Janine Pietsch über 100 Meter Rücken Kraft. Pietsch hatte schon nach der Wende „knüppelharte Beine“. Bis zur Wende lief es sehr gut. Sie lag nach 50 Metern vor Buschschulte an Platz eins, doch dann brach sie immer stärker ein. Buschschulte war die erste Streckenhälfte zurückhaltend angegangen, „weil ich Kraft für die zweite Hälfte sparen wollte. Außerdem wusste ich, dass Janine sehr schnell angehen würde.“ Vor allem aber wusste sie, „dass es nach 80 Metern auf die Steherqualitäten ankommen würde.“ Sie ahnte allerdings auch schon schnell, „dass es für Janine und mich nur um Silber und Bronze gehen würde“. Dass die Französin Laure Manaudou dieses Finale für sich entscheiden würde, „war uns beiden klar“. Auf den letzten 20 Metern zog die Französin unwiderstehlich an den Deutschen vorbei (1:00,88). Obwohl sie ein paar Minuten zuvor schon die 200 Meter Lagen gewonnen hatte. „Erstaunlich, diese Frau“, sagte Buschschulte. Sie nahm es zur Kenntnis. Genauso wie ihre eher mäßige Zeit. „Die Zeit“, sagte sie, „die ist mir völlig egal, ich bin total happy über die Silbermedaille.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar