Sport : Deutscher Turner-Bund: Schleifer-Eddy greift durch

Eckhard Herholz

Auch wenn die Ergebnisse des ersten Weltcups am Wochenende in Paris-Bercy für den Deutschen Turner-Bund (DTB) auf den ersten Blick hoffnungsvoll aussehen - fünf Finalplätze bei den Frauen, drei bei den Männern -, der zweitgrößte Sportverband in Deutschland ist an einem Tiefpunkt angelangt. Das nach der Wende aus dem Ostteil zugewachsene Leistungspotenzial ist aufgebraucht, dessen Strukturen zum größten Teil beseitigt. Von knapp 50 Trainern zu Beginn der 90-er Jahre sind noch 16 als Bundestrainer im Amt. Doch will man dem Anspruch eines "humanen Leistungssports" gerecht werden, braucht man eher mehr als weniger Personal.

Als 20-Jähriger brachte auch der Berliner Andreas Wecker all seine Fähigkeiten in den DTB ein, die er durch eine wissenschaftlich geführte Ausbildung erworben hatte. Überraschungs-Geschenke an den DTB, der sich zur WM 1991 in Indianapolis mit Team-Bronze und dem Recktitel des Potsdamers Ralf Büchner schmücken konnte. Und als Wecker nach dem WM-Titel 1995 ein Jahr später gar olympisches Gold in Atlanta holte, soll der damalige Präsident Dieckert unter der Reckstange getanzt haben.

Es war der letzte Turn-Freudentanz für lange Zeit. Denn das zurückliegende DTB-Jahrzehnt zeigt eine dramatische Abwärtsentwicklung. Das Frauen-Kunstturnen ist seit dem letzten Olympiaauftritt einer Riege 1992 in Barcelona in der olympischen Familie nicht mehr dabei. Alle vier Olympiamedaillen des DTB holte Andreas Wecker. Bei acht Weltmeisterschaften gewann er allein fünf der sieben Medaillen, die restlichen zwei gehen auf das Konto des eingebürgerten Neu-Stuttgarters Waleri Belenki. Mit einem Vierteljahrhundert Leistungssport in den Knochen entschloss sich Wecker im Vorjahr zu seiner vierten Olympia-Teilnahme, was zuvor noch nie ein deutscher Turner schaffte. Doch dann erfüllten sich seine Träume nicht: Eine Verletzung im Training ließ nur den Einsatz im Teamwettkampf zu, nach einem Eklat in der Mannschafts-Krisensitzung verließ Wecker wutentbrannt das zweitälteste Turn-Team in Sydney nach Korea.

Verjüngung ist seither angesagt. Zum DTB-Verbandstag letzten Herbst in Leipzig setzte sich der frühere Sportdirektor und jetzige Olympiastützpunktleiter Rostock, Eduard Friedrich, als neuer Vizepräsident für Spitzensport durch. Schon zu bundesdeutschen Zeiten als "Schleifer-Eddy" berühmt-berüchtigt, kündigte er erneut die harte Welle an. Auf die Athleten kämen ganz andere Trainingsumfänge zu, wie die überhaupt die Hauptschuld am schlechtesten Abschneiden deutscher Turner (zehnter Platz) bei Olympia seit 1896 trügen: Obwohl sie alle Bedingungen hätten, haben sie viel zu wenig trainiert. Nicht zum ersten Mal, dass Funktionäre die Schuld vorrangig bei den Sportlern suchen. Gesprochen hat Friedrich weder mit Wecker noch mit Belenki, Sergej Charkow (Dillingen) oder Marius Toba (Hannover). Inzwischen erreichten ihn Briefe der Betroffenen, die sich schlecht behandelt fühlen bei dieser rigorosen Verjüngungskur. "Das kann doch nicht wahr sein, dass bisherige Leistungträger so aussortiert werden sollen", protestiert Waleri Belenki, der durch Auftritte in Schulen und Vereinen viel für das Kunstturnen getan hat. "Wie sollen wir da Vorbild für die Kinder und Jugend sein, wenn uns der eigene Verband einfach den Stuhl vor die Tür setzt."

Natürlich handelt der DTB richtig, wenn er für Athen 2004 auf die jungen Kader setzt. Mehr taktisches Geschick aber wünschte man sich im Umgang mit jenen, die für ihn bisher die Erfolge erzielt haben. Verständlich zwar, dass Andreas Wecker sich wehrt, aber schade eigentlich, dass er die persönliche Betroffenheit in den Vordergrund stellt und mit juristischen Mitteln einen rückwärtsgewandten Kleinkrieg zu starten scheint. Dabei könnte gerade er sehr viel zur Veränderung der Krisensituation im deutschen Turnsport beitragen. Gegen seine Darstellungen der Verletzungssituation in Sydney in verschiedenen Zeitungen hat sich inzwischen der Turner-Bund uneingeschränkt hinter die von Andreas Wecker kritisierten Trainer und den Mannschaftsarzt Boschert gestellt.

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