Sport : Deutsches Derby: Extremsport mit einem PS

Ingo Wolf

Am Mittwochabend ist in Hamburg das passiert, wovor jeder Jockey Angst hat. Während eines Rennens auf der Galopprennbahn Horn wurden drei Pferde in einen Sturz verwickelt. Ein Galopper wurde nach einem Knochenbruch sofort eingeschläfert, die drei Jockeys mussten ärztlich behandelt werden. Einer von ihnen ist Andrasch Starke. Derzeit Deutschlands bester Jockey und Werbefigur für den deutschen Galoppsport. Große Aufmerksamkeit erregte der Sturz, weil er sich vier Tage vor dem 132. Deutschen Derby heute in Hamburg ereignete.

Schicksal? "Berufsrisiko!", sagt Torsten Mundry, selbst Jockey und eng mit Starke befreundet. Er war ebenfalls in dem Rennen unterwegs, lag aber so weit vorn, dass er von dem Sturz nichts mitbekam. Erst nach der Ziellinie erfuhr er davon, eilte sofort zur Unglücksstelle, wo sein Kollege und Freund noch im Notarztwagen behandelt wurde. Nach zehn Minuten bekam er dann das Signal, dass Starke bei Bewusstsein sei und nur einige Prellungen hat. Trotzdem ein Schock für Mundry. Denn oft genug gehen Stürze nicht so glimpflich ab. Es gab schon Querschnittslähmungen oder Todesfälle. "Das gehört eben zu unserem Job", sagt Mundry. Er hat den Sturz bereits verdrängt. Mundry saß gestern bereits wieder im Sattel, ebenso wie Starke heute wieder reiten wird. Business as usual. Nur wer auf Risiko reitet, hält sich an der Spitze.

Für viele ist eine Pause existenzbedrohend. Allenfalls zehn Jockeys verdienen in Deutschland gut, alle anderen murkeln vor sich hin. Und der Preis ist hoch. Jockeys bekommen zwar eine Grundgage von 100 Mark und werden mit fünf Prozent am Gewinn beteiligt. Bei 500 Mark für einen dritten Platz bleibt davon aber nicht viel übrig. Und nur wer bester Stalljockey ist, kann mit regelmäßigen Engagements rechnen. Die anderen müssen Woche für Woche hoffen. Nur wenige wie Mundry, Starke oder Andreas Suborics können die Besitzer anrufen und fragen, ob sie deren Pferde reiten dürfen. Deshalb, weil besonders die drei strategisch reiten und deshalb als Erfolgsgaranten gelten. Nur das zählt für die Besitzer. Schließlich geht es um viel Geld. Kaum ein Pferd wirft langfristig Rendite ab. Die Jockeys sitzen also auf wahren Geldanlagen. Deshalb ist hohes Risiko gefragt. "Wir werden für das Risiko nicht adäquat bezahlt", sagt Mundry und verweist auf die Formel 1, in der Fahrer selbst nach schweren Crashs meist unversehrt aussteigen. Und er gehört noch zu den Topverdienern der Branche. Jockeys wie er verdienen 15 000 Mark im Monat. Deshalb schaut Mundry gerne nach Asien, wo Jockeys wie Stars behandelt werden. Er hat Starke bei seinem dreimonatigen Engagement in Hongkong zeitweise begleitet. Doch Mundry muss selbst erst wieder in Form kommen. Nach einem Kreuzbandriss kann er erst seit zehn Tage wieder reiten, hat aber bereits fünf Siege bei der Derbywoche erzielt.

Für das Derby macht er sich Hoffnung. Obwohl er mit Somotillo nicht auf einem Favoriten sitzt. "Aus der zweiten Reihe reitest du unbelastet", sagt Mundry. Aber jeder reitet bei so einem Rennen natürlich auf Sieg. Das verbindet ihn mit Starke, der auf Limerick Boy ebenfalls keinen Favoriten reitet. Doch beide werden im Kampf um die Plätze wieder voll auf Risiko reiten. Immerhin geht es beim Derby nicht nur um viel Geld - 180 000 DM erhält der Besitzer des Siegers - sondern auch diesmal um die Ehre.

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