Deutsches Team : Aussprache ohne Trainer

Das deutsche Team

Michael Rosentritt[Ascona]
EURO 2008 - Deutschland Training
Eng zusammen. Die Nationalmannschaft versucht, das Gemeinschaftsgefühl der WM 2006 wieder herzustellen.Foto: dpa

Es passiert nicht oft, dass die Nationalspieler ohne ihren Trainer zusammenfinden. Das letzte große Treffen dieser Art datiert aus dem Juli 2006. Damals, zwei Tage vor dem Spiel um Platz drei, kam die Mannschaft in ihrem Berliner WM-Quartier zusammen, um darüber zu befinden, ob die Mannschaft sich in Stuttgart, dem Spielort, oder aber auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor verabschieden soll? Der damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann hatte diese Entscheidung ganz bewusst in die Hände der Spieler gelegt. Schließlich entschied die Mannschaft sich mehrheitlich für eine Rückkehr ins Zentrum des Turniers, wo sie am Mittag des WM-Finales von einer halben Million Menschen gefeiert wurde.

Vielleicht hat Joachim Löw in den vergangen Tagen auch noch einmal zurückgedacht an jene Sommermärchentage des Jahres 2006. Nach der Niederlage gegen Kroatien sind dem Trainer viele Gedanken durch den Kopf geschossen. Und vermutlich hat er sich gedacht, dass es nicht schaden kann, wenn er die Mannschaft mal kurz sich selbst überlässt. Er appelliert bewusst an die Selbstheilungskräfte des Teams. Und so kamen die 23 deutschen EM-Spieler in ihrem EM-Quartier in Ascona für eine kleine, aber wohl heftige Aussprache zusammen. Wie zu erfahren war, hat der Bundestrainer die Anregung dazu gegeben. Er soll seinen drei Wortführern Michael Ballack, Torsten Frings und Jens Lehmann empfohlen haben, sich mal als Mannschaft auszusprechen.

Dieses mal ging es aber vorrangig darum, nicht wo gefeiert, sondern was zu tun ist, dass man überhaupt noch etwas zu feiern bekommt bei diesem Alpenturnier. „Das hatte nicht mit dem Trainer an sich zu tun“, sagte ein gut gelaunter Michael Ballack. „Das war mal ein lockeres Gespräch unter uns.“ Über Inhalte mochte der Kapitän nicht reden. Es gebe eine klare Regel und die besage, dass das, was sich die Spieler zu sagen haben, definitiv nicht nach außen dringt. Sonst wäre die Aussprache nur halb so gut. Bisher war ja nicht einmal bekannt geworden, dass die Aussprache überhaupt stattgefunden hat - obwohl das schon am Freitag war. „Es ist schon anders, wenn der Trainer nicht dabei ist“, sagt Ballack. „Manche Spieler sprechen intern freier, außerdem kann man sich untereinander sagen, was einem nicht passt.“ Und da diesmal nicht der Filmemacher Sönke Wortmann mit seiner Kamera dabei war, wird davon der Nachwelt als Dokument auch nichts erhalten bleiben.

Und so wurde gestern vor dem Abflug nach Wien, wo am Montag das entscheidende Gruppenspiel gegen Österreich stattfindet, viel hineininterpretiert in diese Aussprache. Michael Ballack erlaubte nur einen kleinen Einblick. Zu vergleichen sei das am ehesten mit dem, was auf dem Platz so gesprochen werde. „Fußballersprache eben“, sagte Ballack und trug dabei ein schelmisches Lächeln. Da müsse nicht immer der Ton getroffen werden und trotzdem nicht gleich jemand eingeschnappt sein. Das sei schließlich in der Kreisklasse nicht anders „als bei uns“. Fußballersprache verstehe jeder. Ballack: „Da sagt man sich mal die Meinung, auch mal laut, auch mal unsachlich. Jeder hat ein Fell und kann damit umgehen. Wichtig ist, dass eine Reaktion kommt“, sagte der 31-Jährige.

Über personelle Veränderungen ist in der Runde jedenfalls nicht gesprochen worden, aber diese wird es geben. Es gilt als wahrscheinlich, dass Arne Friedrich in die Mannschaft rückt, dort aber den Platz rechts in der Kette von Philipp Lahm übernimmt, der rüber auf links die Position des verletzten Marcell Jansen einnimmt. Seine erste Einsatzchance dürfte auch Tim Borowski erhalten, der anstelle von Clemens Fritz im rechten Mittelfeld beginnt. Als nicht ausgeschlossen gilt, dass der Bundestrainer den dreifachen Torschützen Lukas Podolski in den Sturm beordert für den bislang schwachen Mario Gomez. Diese Variante würde der Grundformation der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren am nächsten kommen. Bis auf den verletzten Bernd Schneider und den gesperrten Bastian Schweinsteiger könnte gegen Österreich also jene Mannschaft auflaufen, die im WM-Viertelfinale Argentinien schlug. Wenn das keine Hoffnung macht.

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