Deutsches Team : Löw: Wiedersehen mit der eigenen Vergangenheit

Das Halbfinal-Spiel ist auch für Bundestrainer Joachim Löw etwas Besonderes. Er hat zweimal in der Türkei gearbeitet, eine Saison bei Fenerbahce und noch einmal vier Monate bei Adanaspor. Als Deutschland vor zweieinhalb Jahren auf die Türken traf, wurde er wie ein guter alter Freund empfangen.

Stefan Hermanns[Ascona]
Löw
Wann werd' ich dich wiedersehen? Bundestrainer Joachim Löw hat solche Sehnsucht - nach der Türkei.Foto: dpa

 Arne Friedrich hatte die Situation völlig falsch eingeschätzt. Er war bereits in den freien Raum vorgestoßen und hatte sich den scheinbar entscheidenden Vorteil verschafft. Dann wurde sein schöner Plan doch noch durchkreuzt. „Ich stand schon halb auf der Treppe nach oben“, berichtete Friedrich über das dramatische Halbfinale zwischen Kroaten und Türken. „Plötzlich haben meine Kollegen angefangen zu schreien.“ Friedrich hatte den Fernsehabend der deutschen Nationalspieler nach dem Führungstreffer der Kroaten für sich beendet. Beim Ausgleich der Türken in der Nachspielzeit war er schon auf dem Weg in sein Zimmer. Die wichtigste Erkenntnis für das Halbfinale gegen die Türkei am Mittwoch hat ihn aber auch so erreicht: „Die Türken geben zu keinem Zeitpunkt auf.“

Es zählt zur Folklore, dass Fußballer vor K.-o.-Spielen gefragt werden, wen sie denn nun gerne als nächsten Gegner hätten. Meistens lautet die Antwort, dass man das eh nicht beeinflussen könne und man es so nehmen müsse, wie es kommt. Vor dem Halbfinale der Deutschen war das etwas anders: Kroatien oder die Türkei? „Wir hätten nichts dagegen, wenn die Kroaten auf uns zukommen“, hat Simon Rolfes unmittelbar nach dem Sieg im Viertelfinale gegen Portugal gesagt. Die statistische Wahrscheinlichkeit, in einem Turnier zweimal gegen denselben Gegner zu verlieren, wurde von den deutschen Spielern wohl als ziemlich gering eingeschätzt. „Ich hätte mir die Kroaten gewünscht“, sagte auch Torwarttrainer Andreas Köpke. „Gegen die hätten wir gerne noch etwas zurechtgerückt.“
Offensichtlich aber gab es in der Mannschaft auch einige Spieler, die sich weniger von Emotionen leiten ließen und die Angelegenheit weit nüchterner betrachteten. „Die Mannschaft hat das relativ entspannt aufgenommen“, berichtete Köpke. Arne Friedrich hatte in der Defensive der Türken einige Lücken entdeckt. „Sie haben mich nicht wirklich überzeugen können“, sagt der Verteidiger von Hertha BSC. Beeindruckt sei er nur von ihrer fast deutschen Willensstärke, mit der sie sich jetzt schon mehrmals aus scheinbar aussichtslosen Situationen befreit hätten. „Die Türken haben im bisherigen Turnierverlauf gezeigt, dass mit ihnen immer zu rechnen ist, egal wie der Spielstand ist“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. „Sie sind sehr unberechenbar und dadurch gefährlich.“
Andreas Köpke berichtete, dass sein Vorgesetzter die Entscheidung zugunsten der Türken „relativ cool aufgenommen“ habe, obwohl es für Löw nun im Halbfinale zu einem Treffen mit seiner Vergangenheit kommt. Zweimal hat er als Trainer in der Türkei gearbeitet, eine Saison bei Fenerbahce und noch einmal vier Monate bei Adanaspor. Als die deutsche Mannschaft vor zweieinhalb Jahren zum letzten Mal auf die Türken traf, wurde er, damals noch der Kotrainer von Jürgen Klinsmann, in Istanbul wie ein guter alter Freund empfangen.

Die Deutschen verloren 1:2, und nach dieser Niederlage acht Monate vor der Weltmeisterschaft sah sich Klinsmann wieder einmal massiver Kritik aus der Bundesliga ausgesetzt. Seine Maßnahmen, vor allem der Fitnesstest in der Woche vor dem Testspiel, wurden grundsätzlich infrage gestellt. Dabei bestätigte sich in diesem Spiel nur, dass die Deutschen mit den Türken zuletzt fußballerisch einige Probleme hatten. Von den letzten drei Aufeinandertreffen konnte die Nationalmannschaft keines gewinnen. Insgesamt gab es bisher 17 Spiele mit zehn Siegen der Deutschen. Dreimal gewannen die Türken.

Löw kennt die türkische Mentalität. „Wenn es bei den Türken läuft, sind sie zu Außergewöhnlichem fähig“, sagt er. „Sie haben sehr gute Einzelspieler, die technisch auf hohem Niveau spielen.“ Allerdings müssen die Türken im Halbfinale auf vier gesperrte Spieler, darunter ihren Torhüter Volkan Demirel, verzichten. Und auch die Fußballgeschichte könnte den Deutschen Mut machen. Beim letzten Turnier in der Schweiz, im Jahr 54, vor 54 Jahren, mussten sie – bedingt durch einen seltsamen Modus – gleich zweimal gegen die Türkei antreten. Deutschland gewann 4:1 und 7:2 und wurde am Ende Weltmeister.

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