Deutschland - Argentinien : Mit mehr Temperament bolzen

Die deutsche Nationalelf hat im WM-Testspiel gegen Argentinien zu brav für einen Sieg gespielt. Ein großer Vorwurf ist der Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw daraus nicht zu machen.

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Deutschland - Argentinien
Zu brav? Debütant Thomas Müller versteckt sich vor dem großen Diego Armando Maradona.Foto: dpa

Der 20 Jahre alte Thomas Müller stand angelehnt im Türrahmen, machte einen langen Hals und lauschte andächtig dem pummeligen Diego Maradona, der fünf Meter weiter vor der Presse saß. Kurz zuvor war Müller schon ein Stück weiter gewesen. Da hatte der Debütant der deutschen Nationalelf bereits Platz genommen neben der argentinischen Legende. Bis diese plötzlich aufgesprungen war, weil sie die Bühne wohl nicht teilen wollte. Nach einigem organisatorischen wie diplomatischen Aufwand hinter den Kulissen hatten Müller und Maradona die Plätze getauscht. Das heißt, Müller trat zur Seite. „Ich wusste nicht, dass das ein Spieler ist“, sagte Maradona, und wollte das als Entschuldigung gesagt haben. Hielt er Müller für einen Autogrammjäger?

Ein bisschen hatte die deutsche Elf ja so gespielt: wie die brave Ausführung von Autogrammjägern. 0:1 hatte sie vor vollen Rängen im Münchner Stadion gegen Argentinien verloren, da trug sich jene kleine Szene zu, die Müller so bald nicht vergessen wird. Der Shootingstar des FC Bayern mit dem berühmten Namen hatte eine gute Stunde ordentlich mitgespielt. „War ein tolles Gefühl, ein schönes Erlebnis, nur schade, dass wir verloren haben“, sagte Müller, nachdem der wirre Maradona sich nach ein paar Sätzchen und Mätzchen wieder verzogen hatte. Und dann ließ Müller noch eine Bemerkung fallen, die so gut zu seinem unbekümmerten Spielstil passt: „Als Bayern München machen wir ja hier das Spiel – das war heute anders.“ Mit der deutschen Elf hatte er nicht das Spiel gemacht, dafür hob Müller rasch noch die „gute Grundordnung“ der Auswahl lobend hervor.

Grundsätzlicher wird Kritik aus dem Mund eines Debütanten nie ausfallen. Thomas Müller hätte auch sagen können, dass die deutsche Mannschaft möglichst wenig falsch machen wollte an diesem Abend, sie am Ende aber nicht viel richtig gemacht hat. Tatsächlich hatte die Elf von Joachim Löw relativ wenig zugelassen, doch „uns ist es heute leider nicht gelungen, Druck aufzubauen und so hatten wir kaum klare Aktionen in der Offensive“, wie der Bundestrainer hinterher sagte. Zu sachte, zu temperamentlos spielte seine Mannschaft. „Uns hat ein bisschen der Mut gefehlt“, sagte Joachim Löw.

Dabei hatte der 50 Jahre alte Bundestrainer in Thomas Müller nicht nur einem Neuling die rechte Seite anvertraut, sondern viele Beobachter mit einer Aufstellung überrascht, wie sie rein von den Namen her offensiver nicht geht. In Bastian Schweinsteiger, Michael Ballack, Mesut Özil, Thomas Müller, Miroslav Klose und Lukas Podolski standen sechs Spieler im Team, deren Qualitäten im Vorwärtsdrang liegen. So fand sich im Fünfer-Mittelfeld nicht ein gelernter Defensivspezialist. Doch das so in die Breite aufgestellte Mittelfeld verleitete den Einzelnen zu oft zum Querspielen. Nur selten wurde der vertikale Pass versucht. Löw monierte hinterher, dass es für sein Team zu wenig Anspielpunkte zwischen der argentinischen Abwehr und Mittelreihe gab.

Und so kam es, dass die Deutschen viel zu selten in den Rücken der Argentinier kamen. Das muss man aber, um eine Mannschaft von der Klasse der Südamerikaner in Verlegenheit bringen zu können. Erst als neben Mario Gomez (für Miroslav Klose) in Cacau eine zweite echte Sturmspitze kam, wurde das Spiel der Gastgeber etwas lebendiger. Doch die Szenerie auf dem Münchner Rasen beherrschte die Mannschaft um den vorzüglichen Juan Sebastian Veron mit ihrer hohen Ballsicherheit.

Den Deutschen ist gar kein großer Vorwurf zu machen. Vielleicht war es nicht die passende taktische Ausrichtung für dieses Personal. Denn das Spiel der Deutschen war zu sehr auf Sicherheit ausgerichtet. Zudem hatten die Argentinier nach ihrer wackeligen WM-Qualifikation einen vergleichsweise guten Tag erwischt. Selbst Maradona, der im Daunenmantel an der Seitenlinie wirkte wie ein Michelin-Männchen, zeigte sich überrascht von der Frühform seiner Elf: „Meine Spieler waren heute sehr engagiert – so sind wir eine Mannschaft, die nach 24 Jahren wieder Weltmeister werden kann.“

Am Ende blieb es dieser eine Pass kurz vor dem Halbzeitpfiff, der die deutsche Abwehr aushebelte. Torhüter René Adler („Ich war überzeugt, ich krieg den Ball“) kam beim Rauslaufen den berühmten Tick zu spät, sodass Gonzalo Higuain wenig Mühe hatte, den Ball im Tor unterzubringen. Für Löw war die Entstehungsgeschichte des Gegentores wenig überraschend. Das schnelle Umschalten beherrschen die Argentinier wie kaum ein anderes Team, sagte Joachim Löw: „Das ist zum Runterzählen: drei Sekunden, dann war der Ball im Tor.“ Drei Sekunden hatte Müller auch neben Maradona.

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