Deutschland bei der Fußball-EM : Wo ist die Balance in der Nationalelf?

Im deutschen Spiel klaffen große Lücken zwischen Abwehr und Angriff. Bundestrainer Joachim Löw muss dieses Problem unbedingt in den Griff bekommen.

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Auch Thomas Müller hatte bei der EM noch keine Torchance.
Auch Thomas Müller hatte bei der EM noch keine Torchance.Foto: AFP

Als das Spiel noch gar nicht losgegangen war, versuchte Manuel Neuer bereits, Robert Lewandowski in ein Gespräch zu verwickeln. So von Kapitän zu Kapitän. Versteht sich. Wäre ja vielleicht möglich gewesen, Polens Sturmwunder und Anführer ein wenig Konzentration zu rauben. Doch Lewandowski, der schon längst im meditativen Tunnel steckte, beschränkte die Konversation aufs Wesentliche. Er begrüßte seinen Mannschaftskollegen vom FC Bayern per Handschlag und mit pflichtgemäßem Lächeln, sonst verweigerte er sich. So, wie es später auch aufs Hartnäckigste seiner Mannschaft gelingen sollte. Polen ließ die deutsche Offensive in Saint-Denis ins Leere laufen.

Die zweite verbale Kontaktaufnahme mit Lewandowski fand nach dem 0:0 statt. Dieses Mal ging sie vom Polen aus. Er sprach Jerome Boateng an, den deutschen Innenverteidiger, mit dem er sich ein paar kernige wie intensive Duelle auf dem Rasen des Stade de France geliefert hatte. Lewandowski beglückwünschte seinen anderen Bayern-Mitspieler zu dessen Leistung, beide tauschten hinterher die Trikots. Robert Lewandowski, der überragende Torschütze der Bundesliga (30 Tore) und der EM-Qualifikation (13), kam in diesem Spiel nicht einmal an Jerome Boateng vorbei, konnte nicht einmal Manuel Neuer prüfen.

Defensive und Offensive kommen nicht zusammen

Doch der Fußballabend von Paris, der in wechselseitiger Hochachtung der beiden Hauptdarsteller zu münden drohte, hatte aus deutscher Sicht einen gewaltigen Schönheitsfehler. Zwar musste der deutsche Torhüter nicht einmal mit seinen Händen eingreifen, was zweifelsfrei für die gute defensive Organisation des deutschen Teams sprach, doch das ging dabei zu sehr auf Kosten der eigenen Offensive, die sich in einer erstaunlich einfallslosen Belanglosigkeit ergoss.

„Wir haben wenige Lösungen im letzten Drittel gefunden“, sagte Joachim Löw, der immer wieder darauf verwies, wie gut sein Team doch defensiv gearbeitet hätte. Löw sprach hernach noch ein paar Sätze hier und ein paar ganz ähnliche dort, aber in seiner mitternächtlichen Nachbetrachtung hörte der Bundestrainer sich ein bisschen so an, wie seine Mannschaft zuvor gespielt hatte: Mit einer selten erlebten Unentschiedenheit.

Wie wollte sie eigentlich den Polen beikommen? Wollte sie primär gut verteidigen, stets auf der Hut seiend, sich anbahnende Konter der Polen bereits im Keime zu ersticken? Oder wollte sie selbst mutig in die Offensive gehen und den Torabschluss suchen? Doch am Donnerstagabend wirkte die Mannschaft darin überfordert, aus beiden Anliegen eins zu machen.

Löw fordert mehr Pässe

Beide Komponenten brachte sie in diesem zweiten EM-Gruppenspiel nicht brauchbar zusammen. Es fehlte ihr schlicht das rechte Maß für beide Anliegen, also an der Balance zwischen Absicherung und Angriff. Dabei war es genau diese, die sie vor zwei Jahren bei der WM noch vorzüglich praktizierte. In Brasilien ging ihr der Übergang von defensiver Sicherheit zu offensivem Tatendrang und zurück beinahe noch stufenlos vom Fuß.

„In der Offensive hat uns die Durchschlagsfähigkeit gefehlt“, monierte Löw. Tatsächlich wirkte seine Mannschaft in der polnischen Hälfte oft ideenlos und statisch, aber auch der Bundestrainer hatte weder an der Seitenlinie noch hinterher im Interview nicht den Eindruck gemacht, als hätte er an diesem Abend einen Strauß von Lösungen parat gehabt. So bemängelte er die offensichtlichen Schwachpunkte wie die Qualität des letzten Passes, die Linkslastigkeit des deutschen Aufbauspiels sowie das fehlende Tempo in polnischer Tornähe.

Natürlich machten es die Polen sehr anständig, die Mannschaft um Robert Lewandowski ist längst keine Laufkundschaft mehr, das hat Joachim Löws Team bereits in der Qualifikation erleben müssen. „Wir hatten die Kontrolle über das, was auf dem Platz geschah“, sagte Polens Nationaltrainer Adam Nawalka und hatte damit ein treffliches wie für die Deutschen bedenkliches Urteil gefällt.

Boateng moniert fehlende Effizienz

„Normalerweise sind wir in der Lage, uns da mal durchzukombinieren“, sagte Löw emotionslos. Die Lösungen, die sich ihm auftaten, nämlich, „wir müssen mehr Doppelpässe spielen und tief gehen“, können aber nicht mehr als Ansätze sein.

Wenn man es gut meint, so war die deutsche Mannschaft gegen die Polen zumindest nicht mehr räumlich so zweigeteilt wie sie noch zum Auftakt gegen die Ukraine war, wo sich große geografische Lücken zwischen Abwehr und Angriff auftaten. Doch dieses Mal taten sich vor allem gedankliche Lücken zwischen Abwehr und Angriff auf. Was auch dazu führte, dass die Offensivkräfte Mesut Özil, Julian Draxler, Thomas Müller und Mario Götze letztlich zu wenig Überzeugung entwickeln konnten und auf dem Feld zu wenige Läufe ohne Ball am Fuß unternahmen, um so Lücken zu reißen oder die polnische Abwehr in ihrer starren Grundordnung zu stören.

„Wir müssen mal zum Abschluss kommen. Wir spielen bis ins letzte Drittel gut, aber dann kommen wir nicht am Gegner vorbei, werden nicht gefährlich“, sagte hinterher Jerome Boateng, der am Freitag mit dem Training aussetzte. Mit zwei, drei beherzten Rettungstaten hatte der 27-Jährige erneut seine Mannschaft vor Gegentoren bewahrt. Nur wird es nicht reichen, Tore zu verhindern, das schwante wohl auch Boateng, nachdem er den albernen Pokal, den er als Spieler des Spiels übergeben bekam, an einen Betreuer weitergereicht hatte. Das offensive Spiel der Mannschaft müsse nun deutlich besser und effizienter werden, „sonst kommen wir nicht weit“.

Dem wollte in dieser Nacht niemand widersprechen, nicht einmal Robert Lewandowski.

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