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Deutschland - Chile 1:0 : Lehrstunde ohne Leidenschaft

Mit Glück gewinnt das Team von Joachim Löw den WM-Test gegen Chile mit 1:0. Doch Chile hatte die deutlich besseren Torchancen. Die DFB-Auswahl präsentierte sich in Stuttgart ohne Leidenschaft.

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Mit blauem Auge davongekommen: Joachim Löw hat gesehen, das noch Einiges zu tun ist.
Mit blauem Auge davongekommen: Joachim Löw hat gesehen, das noch Einiges zu tun ist.Foto: dpa

Kevin Großkreutz suchte die Lücke. Er tippelte hin und her, machte einen Schritt nach vorne, stoppte, lief noch zwei Schritte. Es gab Einwurf für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, und man hätte fast den Eindruck gewinnen können, dass Großkreutz sich freizulaufen versuchte. Aber der Dortmunder hielt den Ball in den Händen. Großkreutz war in diesem Moment der einzige deutsche Spieler in Bewegung – und das machte die Sache nicht einfacher. Nicht bei diesem Einwurf und auch nicht beim Rest des Spiels, das nicht ansatzweise so lief, wie Bundestrainer Joachim Löw sich das vorgestellt hatte. Die deutsche Nationalmannschaft ist eher stockend in das WM-Jahr gestartet, das einzig Positive war das Ergebnis. 1:0 (1:0) hieß es am Mittwochabend in Stuttgart gegen Chile.

Von den vier Neulingen, die Löw nominiert hatte, stand kein einziger in der Startelf. Stattdessen hatte der Bundestrainer das größtmögliche fußballerische Potenzial aufgeboten: mit Mesut Özil, Mario Götze und Toni Kroos im Mittelefeld. Doch von spielerischer Klasse war bei der Nationalmannschaft wenig zu sehen. Die Chilenen bestimmten die Begegnung. Sie verteidigten mutig, spielten klare Bälle in die Spitze und machten den deutlich gefährlicheren Eindruck. Nach knapp zehn Minuten verhinderte Philipp Lahm die Führung der Chilenen, als er einen Kopfball des früheren Leverkuseners Arturo Vidal kurz vor der Torlinie stoppte.

Der Auftritt der Deutschen war wie die Stimmung unter den 54.449 Zuschauern im Stadion: ein bisschen zurückgenommen, sehr getragen, ohne echte Leidenschaft für die Sache. Trotzdem gingen die Gastgeber nach einer Viertelstunde in Führung. Mesut Özil bekam einen Pass von Bastian Schweinsteiger im zweiten Versuch noch unter Kontrolle, bediente Mario Götze in der Mitte, und der löffelte den Ball aus zehn Metern über den chilenischen Torhüter Johnny Herrera hinweg ins Netz. Das 1:0 war ein eher schmeichelhaftes Zwischenergebnis.

Chilenen zeigen das sie Chancen auf Achtelfinale haben

Die Südamerikaner bewiesen nachdrücklich, dass sie ein unangenehmer Gegner sein können. Bei der Weltmeisterschaft spielen sie mit Holland und Weltmeister Spanien in einer Gruppe – trotzdem rechnen sie sich Chancen auf den Einzug ins Achtelfinale aus. Dass dies kein Hirngespinst ist, zeigten sie in Stuttgart. Die Chilenen hatten deutlich mehr vom Spiel und auch die besseren Torgelegenheiten. Vidal scheiterte aus zwölf Metern an Torhüter Manuel Neuer, Bastian Schweinsteiger grätschte Felipe Gutierrez den Ball in höchster Not gerade noch vom Fuß und Charles Aranguiz traf nur das Außennetz, nachdem er sich am Fünfmeterraum geschickt um Per Mertesacker gedreht hatte. Am Ende der ersten Hälfte hieß das Eckenverhältnis 6:0 für Chile.

Das Kombinationsspiel der Deutschen hingegen wollte nie in Fahrt kommen. Miroslav Klose war im Sturm weitgehend abgeschnitten vom Rest der Mannschaft; auf viel mehr als ein Dutzend Ballkontakte dürfte er bis zu seiner Auswechslung zur Pause nicht gekommen sein. Eine einzige gute Gelegenheit hatte die Mannschaft von Joachim Löw in der ersten Hälfte noch: Götze verfehlte mit einem Schlenzer knapp das Tor.

Nur der Bundestrainer zeigt sich energisch

Der Bundestrainer brachte gleich nach der Pause André Schürrle für Klose. Schürrle nahm den Platz im linken Mittelfeld ein, Götze rückte nach rechts und Özil als falscher Neuner in die Spitze. Besserung aber brachte die Umstellung nicht. Nach einer guten Stunde bekam das Publikum wenigstens einen Energieausbruch bei der deutschen Mannschaft zu sehen. Vom Bundestrainer. Joachim Löw spurtete in höchster Erregung aus seiner Coachingzone an die Mittellinie – weil Jerome Boateng den Ball genau in die Füße eines Chilenen gespielt hatte. Der Lerneffekt blieb aus. Zwei Minuten später hatten die Chilenen ihre nächste Großchance. Eduardo Vargas kam im deutschen Strafraum frei zum Schuss, der Ball sprang jedoch von der Unterkante der Latte ins Feld zurück.

Mitte der zweiten Hälfte kamen die Deutschen kaum noch aus der Defensive. Die Verteidiger bolzten die Bälle aus dem Strafraum und sahen sich gleich darauf dem nächsten chilenischen Angriff ausgesetzt. Eine solche archaische Abwehrschlacht hat man von der Nationalmannschaft seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Immerhin: Die guten alten deutschen Tugenden funktionieren noch.

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