Deutschland - England : Angriff mit Reha-Maßnahme

Auch Englands Coach McClaren drücken Personalsorgen. Rooney ist verletzt, Crouch gesperrt. Mangels Alternativen setzt England im Sturm auf Michael Owen.

Sven Goldmann[London]
Owen
Rückmeldung. Michael Owen (r.) feierte gegen Aston Villa sein Comeback. -Foto: dpa

Am Samstag hat Michael Owen mal wieder Fußball gespielt. 27 Minuten waren es gegen Aston Villa, er schoss kein einziges Mal aufs Tor und fiel beim 0:0 auch sonst nicht weiter auf. Es war ein Auftritt, der ins Bild passte. Owen hat Newcastle United nicht viel Freude gemacht, seitdem er im Sommer 2005 von Real Madrid gekommen ist. „Er braucht Spielpraxis“, sagte sein Trainer Sam Allardyce den englischen Journalisten, denen Owen jede Auskunft verweigerte. „Das Länderspiel gegen Deutschland wird ihm gut tun.“

Für Englands einst besten Stürmer ist das Prestigeduell am Mittwoch in Wembley eine Reha-Maßnahme vor 90 000 Zuschauern. Die Lage ist ernst, nicht so sehr vor dem Spiel gegen den alten Lieblingsfeind, in dem es nur ums Prestige geht. Doch in der Qualifikationsrunde zur Europameisterschaft 2008 geht es für den umstrittenen Teammanager Steve McClaren um alles oder nichts. England liegt hinter Kroatien, Israel und Russland nur auf Platz vier. Alles andere als ein Sieg in zwei Wochen gegen Israel dürfte McClaren den Job kosten. Gegen Deutschland darf er ein letztes Mal testen, und nirgendwo ist das so wichtig wie im Angriff. Wayne Rooney fällt verletzungsbedingt noch für ein paar Wochen aus, der Liverpooler Peter Crouch ist gegen Israel gesperrt. England gehen die Stürmer aus.

Vor diesem Hintergrund ist Owens Comeback durchaus sinnvoll. Newcastles Trainer Allardyce glaubt: „In vier, fünf Spielen werden wir den richtigen Michael Owen sehen.“ Den Michael Owen, der dreimal traf beim 5:1 gegen die Deutschen am 1. September 2001 in München. Den Michael Owen, der nach der WM1998 in Frankreich als Wunderkind gefeiert wurde. Er hat nicht alles halten können, was sein sensationelles Tor im Achtelfinale gegen Argentinien versprach. 82 Länderspiele hat Owen bestritten, in Liverpool war er ein Held, aber dann wechselte er nach Madrid und verbrachte seine Zeit bevorzugt auf der Bank. Nach der Rückkehr auf die Insel brach er sich erst den Fuß, bei der WM 2006 riss das Kreuzband, zuletzt schmerzte der Oberschenkel. Der Kurzeinsatz gegen Aston Villa war sein 15. Spiel in zwei Jahren.

Michael Owen hat schon bessere Zeiten erlebt. Aber wo sind die Alternativen im englischen Angriff? Von den sechs Stürmern, die McClaren für das Spiel gegen Deutschland nominiert hat, hat nach Owen Tottenhams Jermain Defoe die meisten Länderspiele (24). Defoe ist bei den Spurs nur zweite Wahl. Er kommt nicht vorbei an Darren Bent, dem teuersten Spieler der Vereinsgeschichte.

Nie haben die Spurs so viel für einen Spieler ausgegeben wie für den 23-Jährigen, der auch zum Kader gegen Deutschland gehört. Die 24,7 Millionen Euro für den Mann aus Charlton relativieren die 7,9 Millionen, die Tottenham für Herthas Kevin-Prince Boateng bezahlt hat. Boateng grüßte am Samstag vor dem Spiel gegen Derby County über die Videoleinwand das Publikum und gehörte wieder nicht zum Kader. Darüber aber sprach an der White Hart Lane niemand. Die Fans feierten Bent, der beim 4:0 sein erstes Tor für die Spurs schoss. Ein zugegeben seltsames, auch die Fernseh-Zeitlupe konnte nicht aufschlüsseln, ob Bent den Ball mit dem Kopf oder der Faust über die Linie gestoßen hatte. „Cheat! Cheat! Cheat!“, wüteten Derbys Fans, „Betrug!“ Egal, sagte Trainer Martin Jol, „es macht alles einfacher, wenn ein Stürmer endlich trifft, er spielt danach ein bisschen besser.“

Mit 19 war Bent Torschützenkönig in der Zweiten Liga, nach seinem Wechsel zu Charlton schoss er in zwei Premier-League-Jahren 31 Tore. Seine Schnelligkeit und Dribbelstärke sind gefürchtet, doch in der Nationalelf befällt ihn das gleiche Leistungsabfall-Syndrom, unter dem auch Stars wie Steven Gerrard oder Frank Lampard leiden. Zweimal erst hat Bent für England gespielt und dabei kein Tor geschossen. Zur WM nach Deutschland durfte er nicht mitfahren. Der damalige Teamchef Sven-Göran Eriksson zog Arsenals Teenie Theo Walcott vor, obwohl der zu diesem Zeitpunkt noch kein Spiel in der Premier League gemacht hatte.

Dagegen erscheint Owens Nominierung für das Spiel gegen Deutschland wie die normalste Sache der Welt.

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