Sport : Deutschland - England: Der kleine Unterschied

Stefan Hermanns

Eigentlich war es eine gute Woche für Sebastian Deisler. In aller Abgeschiedenheit haben sich die deutschen Nationalspieler am Starnberger See auf die Partie gegen England vorbereiten können. Öffentliche Termine musste Deisler nicht wahrnehmen, und Wünsche nach einem Interview mit dem Spieler von Hertha BSC wurden abschlägig beschieden. Von Deisler ist bekannt, dass solche Informationsveranstaltungen nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehören. Das verbindet ihn mit Steven Gerrard aus dem englischen Nationalteam. Auch der ist ein ruhiger Mensch, was bei ihm vor allem daran liegt, dass der Mittelfeldspieler vom FC Liverpool immer wieder auf ein Thema angesprochen wird, das ihm gar nicht gefällt: seine körperlichen Defizite. Gerrard plagt sich regelmäßig mit seinem schmerzenden Rücken.

Auch im Spiel gegen die Deutschen wurde Gerrard ausgewechselt. Allerdings konnte Englands Teamchef Sven-Göran Eriksson gleich nach dem Spiel Entwarnung geben: nur ein Krampf. Ohne seine Verletzungsanfälligkeit hätte Gerrard vermutlich längst viel mehr als nur sechs Länderspiele bestritten. So aber war der Liverpooler zumindest hierzulande bis gestern bei weitem nicht so bekannt wie David Beckham, Paul Scholes oder die beiden Stürmer Michael Owen und Emile Heskey. Doch Gerrard gilt im Moment als der vielleicht wertvollste Spieler Englands. Dabei ist er erst 21 Jahre alt. Genau wie Sebastian Deisler.

Es ist dies eine weitere Gemeinsamkeit zweier Spieler, deren Wege sich im Münchner Olympiastadion bereits in der zweiten Minute zum ersten Mal kreuzten. Am eigenen Strafraum spitzelte Gerrard dem Deisler den Ball vom Fuß. Ein ebenso typisches wie ungewohntes Bild. Denn beim FC Liverpool spielt Gerrard wie Deisler bei Hertha im zentralen Mittelfeld, vor Dietmar Hamann, der seinen Offensivvorstößen die nötige Sicherheit gibt. Am Sonnabend aber stand Hamann auf der anderen Seite, und Gerrard übernahm bei den Englädern eine ähnliche Rolle, wie es Hamann in Liverpool tut.

Als kreativer Chef im offensiven Mittelfeld wirkt bei den Engländern weiterhin Paul Scholes. Der galt in jungen Jahren ebenfalls als Ausnahmetalent, jetzt aber, mit inzwischen 26 Jahren, stagniert er. Zumindest in dieser Hinsicht ist Deisler weiter als Gerrard. Er hat in der vergangenen Saison auch in der Nationalelf die Versetzung von der rechten Seitenlinie in die Spielmacherrolle geschafft. Und am Sonnabend mühte sich Deisler selbst nach dem fast aussichtslosen 1:3-Rückstand noch mit Verve, anders etwa als Michael Ballack. Doch auch Deisler musste hinterher erkennen: "Es war mit Sicherheit nicht mein bestes Spiel." Aber welcher seiner Kollegen hätte nach diesem Abend von sich das Gegenteil behaupten können?

Was in der öffentlichen Wahrnehmung der Deutschen immer noch Scholes oder Beckham sind und nicht Gerrard, das ist für die Engländer vielleicht Mehmet Scholl und noch nicht Deisler. Als Beckham vor dem Spiel gefragt wurde, welchen deutschen Spieler er am meisten fürchte, antwortete Englands Kapitän: "Eigentlich niemanden, vielleicht Scholl." Aber der fehlte verletzt. Teamchef Eriksson ist schon etwas weiter. Vor der Begegnung warnte er seine Spieler: "Auf Deisler müssen wir jede Sekunde des Spiels achten." In der 23. Minute taten sie dies nicht. Deisler stand nach einer feinen Kombination sieben Meter und völlig frei vor dem englischen Tor und schoss den Ball daneben. Vielleicht war dies einer der Wegpunkte dieser Partie, an denen sich ihr weiterer Fortgang entschied. Deutschland wäre 2:1 in Führung gegangen, nicht die Engländer.

Ein defensiver Mittelfeldspieler kommt nur selten in eine ähnlich aussichtsreiche Position. Gerrard versuchte es einmal aus der Distanz. Es war die Nachspielzeit der ersten Hälfte, 1:1 stand es. 25 Meter von Oliver Kahns Tor entfernt stoppte Gerrard den Ball mit der Brust, schoss mit rechts und setzte den Ball genau neben den linken Pfosten zur 2:1-Pausenführung. "Dumme Tore zu unglücklichen Zeitpunkten" registrierte Gerrards Liverpooler Kollege Dietmar Hamann. Sebastian Deisler kam eine Viertelstunde nach dem Seitenwechsel in fast der gleichen Position an den Ball. Er zögerte nicht, schoss sogleich, doch der Ball ging knapp über das Tor. An einem Abend wie diesem ist das eben der entscheidende Unterschied.

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