Deutschland - England : Flüche in der Führerloge

The Klassiker: Seit 100 Jahren spielen Deutschland und England immer wieder in Berlin gegeneinander. Ein Rückblick auf einohrige Helden und politische Tore.

Sven Goldmann
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1938 zeigen auch die Engländer den Hitlergruß. -Foto: dpa

„We call it a Klassiker“, hat Franz Beckenbauer einmal vor einem Länderspiel gegen England gesagt. Am Mittwoch begeht die deutsche Nationalmannschaft im Berliner Olympiastadion ein ganz besonderes Jubiläum: 100 Jahre deutsch-englische Fußballgeschichte. Wo könnte dieses Jubiläum angemessener gefeiert werden als in Berlin? Zwölf Heimspiele haben die Deutschen seit 1908 gegen England bestritten, sieben davon in Berlin. Zur Premiere gastierten die Engländer in Mariendorf, im Olympiastadion ließen sie sich während der tausend Nazi-Jahre schon mal von der großen Politik einspannen, und einmal kamen sie gar nicht. Die DDR übrigens hat gegen England nie in Berlin gespielt, dafür zweimal in Leipzig.

Das Erste

20. April 1908, 1:5 auf dem Viktoria-Platz

Vor hundert Jahren war der 20. April noch ein ganz normaler Tag zwischen dem 19. und 21. April (das ist heute anders, aber dazu später mehr). Genau genommen findet das erste Heimspiel der deutschen Länderspielgeschichte gar nicht in Berlin statt, sondern in der Landgemeinde Mariendorf, die erst zwölf Jahre später eingemeindet wird. Zur Premiere lädt der DFB elf Hobbyspieler aus Berlin, Braunschweig, Hamburg, Pforzheim, Düsseldorf und Karlsruhe auf den alten (und inzwischen längst abgetragenen) Viktoria-Platz an der Eisenacher Straße. Weil es dort keine Duschen gibt, müssen die Herren Nationalspieler über eine Hühnerleiter klettern und sich an fünf Waschschüsseln abseifen. Es schneit, und der Reporter der „Mariendorfer Zeitung“ staunt über eine „selten große Zuschauermenge“ von 6000 Menschen. Die deutsche Mannschaft habe „sehr mangelhaft“ gespielt – bis auf die vier Berliner Abwehrspieler – „alle hervorragend“ – was ein wenig seltsam klingt nach einer 1:5-Niederlage. Der beste Deutsche steht im Tor. Paul Eichelmann wird sogar von den englischen Reportern als fangendes Wunder gefeiert. Der Mann von Vorwärts 92 Berlin (einem Vorläufer des späteren Bundesligisten Blau-Weiß 90) versucht sich auch kurz als Profi auf der Insel, doch weil er ein recht lockeres Verhältnis zu alkoholhaltigen Erfrischungsgetränken hat, landet er schnell wieder in Berlin. Mal abgesehen von Eichelmann bringen die Engländer dem jungen deutschen Fußball keine große Wertschätzung entgegen. Nach Mariendorf schicken sie eine Amateurvereinsmannschaft, so dass der englische Verband die deutsche Heimspielpremiere in seiner Statistik bis heute nicht als echtes Länderspiel auflistet.

Das Sensationelle

10. Mai 1930, 3:3 im Deutschen Stadion

Drei weitere Spiele und 22 Jahre gehen ins Land, bis die Engländer zum ersten Mal ihre Profis auf die Deutschen loslassen. Über 50 000 Zuschauer drängen sich im Deutschen Stadion auf der Rennbahn im Grunewald (heute steht dort das Olympiastadion), um Stars wie David Jack vom FC Arsenal oder Vic Watson von West Ham United zu sehen. Am Ende aber schwärmen alle von einem einohrigen Helden aus Sachsen. Richard Hofmann vom Dresdner SC hätte der besten Mannschaft der Welt um ein Haar eine Niederlage beigebracht. „Das ist der beste Stürmer der Welt“, schwärmt der große David Jack nach den drei Toren des Dresdners, den sie alle „König Richard“ nennen. Von Hofmann erzählt man sich, dass er wahlweise Latte oder Pfosten kaputt und einen Torhüter samt Ball ins Netz schießen kann. Weil er zwei Monate zuvor bei einem Autounfall ein Ohr verloren hat, spielt er mit einer Kopfbinde, was seinem Auftreten etwas Martialisches verleiht. Entsprechend reißerisch beschreibt der Augenzeuge Herbert Beyer Hofmanns drittes Tor gegen die Engländer: „Wie eine kleine Bulldogge rast er auf das englische Tor zu. Higgs erkennt die große Gefahr, rennt aus dem Gehäuse heraus, hechtet dem kleinen Sachsen vor die Füße. Doch der Dresdner reagiert kalt. Blitzschnell hat er das Leder mit dem rechten Fuß herumgezogen. Hart knallt der Ball ins leere Tor. Deutschland führt mit 3:2!“ Kurz vor Schluss aber schafft David Jack noch das 3:3, und die Engländer wahren ihren Ruf der Unbesiegbarkeit. Vier Jahre später ist die deutsche Mannschaft auf der Höhe ihrer Schaffenskraft, aber ihr bester Stürmer darf nicht mit zur Weltmeisterschaft in Italien. Die Nazis sperren Richard Hofmann, weil er für Zigaretten Werbung macht und damit gegen das heilige Amateurstatut verstößt.

Das Beschwichtigende

14. Mai 1938, 3:6 im Olympiastadion

Im Frühling 1938 stehen die Zeichen auf Krieg. Zwei Monate zuvor hat Hitlerdeutschland sich Österreich einverleibt, aber Englands Premier Neville Chamberlain setzt immer noch auf Appeasement, auf Beschwichtigung des braunen Diktators, was vor den 110 000 Zuschauern im Olympiastadion zu einer grotesken Szene führt. Als beide Mannschaften im Mittelkreis Aufstellung nehmen, recken nicht nur die deutschen, sondern auch die englischen Spieler den rechten Arm zum Hitler-Gruß in Richtung Führerloge. Das Foto der stramm salutierenden Fußballspieler gilt noch heute als Dokument für gescheiterte britische Vorkriegspolitik. Es ist nicht zweifelsfrei belegt, ob nun der englische Verband oder der Botschafter oder Chamberlain höchstpersönlich die Anordnung zu dieser Grußadresse gegeben hat. Es heißt, die englischen Spieler seien alle dagegen gewesen, und entsprechend wütend spielen sie im sportlichen Teil des Spektakels auf. Der 21 Jahre alte und später zum Sir geadelte Stan Matthews soll sich einen Spaß daraus gemacht haben, seinen Gegenspieler Reinhold Münzenberg (Spitzname: Der Eiserne) Knoten um Knoten in die Beine zu dribbeln. Die Deutschen treten bis auf zwei Ausnahmen mit ihrer zehnmal hintereinander unbesiegten Breslau-Elf an, aber sie haben nicht den Hauch einer Chance. Die „Times“ rezitiert genüsslich ein Spiel, „das so brillant gewonnen wurde, dass die Nazis mit stotternden Flüchen in der Führerloge zurückblieben“. Das für 1939 in London verabredete Rückspiel fällt aus den bekannten Gründen aus.

Das Einseitige

26. Mai 1956, 1:3 im Olympiastadion

Elf Jahre nach dem Krieg kommen die Engländer wieder nach Berlin, das inzwischen nach den neu entstandenen Machtblöcken geteilt ist. Pflichtbewusst bemerkt „Die Welt“ in ihrem Spielbericht, dass unter den 95 000 Zuschauern im Olympiastadion auch „15 000 Deutsche aus der Ostzone“ sind. Die Deutschen sind zwei Jahre zuvor Weltmeister geworden, aber die Elf von Bern ist längst auseinandergefallen. Angst haben die Engländer nur vor dem Stuttgarter Robert Schlienz, aber das hat nicht ausschließlich sportliche Gründe. Schlienz hat bei einem Autounfall den linken Arm verloren, und die englischen Spieler wissen nicht so recht, wie sie damit umgehen sollen. Darf man gegen einen Einarmigen grätschen? Und wie wird das Publikum bei einem Foul oder gar einer Verletzung reagieren? Doch Schlienz verkrampft vor der großen Kulisse, sein drittes Länderspiel ist gleichzeitig sein letztes. Die herausragende Erscheinung auf englischer Seite ist Duncan Edwards. Der 19-Jährige steht für die große Zukunft, die sich der englische Fußball erhofft, die englischen Reporter nennen ihn „the Wunderkind“. An diesem Samstag in Berlin führt Edwards auf seiner linken Seite gleich zwei Weltmeister vor: In der ersten Halbzeit den Nürnberger Max Morlock, in der zweiten den großen Fritz Walter. Und er schießt das erste Tor, ein urgewaltiger Schuss nach einem Dribbling um drei Deutsche herum. Die „News of the World“ titelt nach dem Spiel: „Die Deutschen nennen uns wieder Lehrmeister des Fußballs.“ Alle Träume von einer großen Zukunft enden am 6. Februar beim Munich Air Disaster. Bei einem Zwischenstop auf dem Flughafen München-Riem fängt das Flugzeug des Englischen Meister Manchester United Feuer. Acht Spieler sterben, unter ihnen auch drei Nationalspieler vom 3:1-Sieg in Berlin: Roger Byrne, Tommy Taylor und der großartige Duncan Edwards.

Das Enttäuschende

13. Mai 1972, 0:0 im Olympiastadion

Die Erwartungen an die deutsche Nationalmannschaft sind groß bei diesem Rückspiel des Viertelfinales der Europameisterschaft, mit dem man sich damals für die Endrunde mit vier Mannschaften qualifizierte. Zwei Wochen zuvor hat sie beim 3:1 im Hinspiel zum ersten Mal in Wembley gewonnen und dabei ein Spiel gezeigt, das bis heute als eines der besten in der deutschen Länderspielgeschichte gilt. Günter Netzer kam aus der Tiefe des Raumes und verlieh dem deutschen Spiel eine zuvor nie gekannte künstlerische, ja visionäre Note. 84 000 Zuschauer im Olympiastadion erwarten eine Fortsetzung, aber sie werden enttäuscht. Die deutsche Elf spielt verhalten, ihr reicht ein Remis, ja sogar eine knappe Niederlage für die Teilnahme an der EM-Endrunde in Belgien. Es ist an den Engländern, dem Spiel Schwung zu geben, aber die bleiben alles schuldig an diesem verregneten, tristen Fußballabend, dessen einziger Höhepunkt ein Lattenschuss von Siegfried Held ist. Das Publikum fühlt sich um ein rauschendes Fest betrogen und lässt seinen Unmut in Pfiffen aus. Sie richten sich erst gegen die destruktiven Engländer, später aber auch gegen die eigenen Spieler, als diese zwecks Ergebnissicherung den Ball immer wieder zu ihrem Torhüter zurückspielen. Franz Beckenbauer, einer der dafür verantwortlichen Interpreten, regt sich später fürchterlich auf über die Ungeduld des Berliner Publikums. Sein Vorgesetzter, Bundestrainer Helmut Schön, wundert sich mehr über das Unvermögen der Engländer, „es ist mir völlig unverständlich, dass sie so defensiv gespielt haben, ohne Witz und Einfallsreichtum“. Ein paar Wochen später vollenden die Deutschen im EM-Finale von Brüssel ihren Triumph. Die Engländer werden sich erst zehn Jahre später wieder für ein großes Turnier qualifizieren.

Das Ausgefallene

20. April 1994, abgesagt im Olympiastadion

86 Jahre nach der deutsch-englischen Premiere ist der 20. April nicht mehr nur der Tag zwischen dem 19. und 21. April. Im Hamburger Volksparkstadion will Weltmeister Deutschland für die Titelverteidigung in den USA testen, gegen die nicht qualifizierten Engländer. Reichlich spät fällt den Hamburger Gastgebern auf, dass Hitlers Geburtstag kein optimaler Termin ist für ein Großereignis mit Publikum ist. In der deutschen Fanszene tummeln sich in den neunziger Jahren rechte Agitatoren. Als im Januar bekannt wird, dass neofaschistische Gruppen das Spiel zu einer Gedenkfeier umfunktionieren wollen, gibt die Stadt Hamburg das Spiel an den DFB zurück – mit dem Argument, die Sicherheit der Spieler könne nicht garantiert werden. Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen bietet sich als Ersatzausrichter an. Der Senat lässt den DFB wissen: Wir sind Hauptstadt und haben die Dinge im Griff, und zwar ohne Wenn und Aber. Der Verband schlägt ein und weigert sich standhaft, das Spiel auf einen anderen Termin zu legen. Doch längst haben die an Nazi-Themen traditionell stark interessierten englischen Zeitungen das Thema für sich entdeckt: Immer häufiger drucken sie das Bild mit den englischen Nationalspielern, die 1938 mit erhobenem rechten Arm Richtung Führerloge grüßen. In Berlin! Im Olympiastadion!! What a story!!! Die auflagenstarken Boulevardblätter drucken Hakenkreuze und Bomber auf ihren Titelseiten und prophezeien Massenschlägereien zwischen deutschen und englischen Hooligans. Als auch das britische Außenministerium vor dem Spiel warnt, hat der englische Fußballverband genug und sagt ab. Am 6. April, exakt zwei Wochen vor dem geplanten Spiel. Am kommenden Mittwoch nun wird es nachgeholt werden. Mit 14-jähriger Verspätung.

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