Sport : Deutschland-Experte aus Nahost

Oliver Trust

Bundestrainer bleibt man ein Leben lang. Das ist wie beim Bundeskanzler. Keiner weiß das besser als Berti Vogts, der Freund Helmut Kohls. Da sitzt Vogts im Partyraum des SV Baiersbronn als kuwaitischer Nationaltrainer und redet über Deutschlands Problemkinder, die Fußballer. Braun gebrannt wirkt er wie ein Vater, der seinem Ältesten die Angst vor der Gesellenprüfung nehmen muss. "Ohne Wenn und Aber", sagt er, "... das ist doch keine Frage" und "... die Ukraine überrennen". Die Aufmunterungen purzeln sechs Tage vor dem ersten WM-Ausscheidungsspiel gegen die Ukraine nur so aus ihm heraus. "Rudi hat das Richtige getan, er hat sich zu seinen Spielern bekannt", sagt Vogts.

Nun ist es nicht so, dass der Alt-Bundestrainer seinen Rat aufdrängt. "Nach dem 1:5 gegen England habe ich mein Telefon abgestellt." Aber sie fragen ihn nun einmal in diesen Krisenzeiten. Vor der Kabine, auf dem Rasen, später im Hotel - als könne er in die Zukunft sehen. 600 Menschen sind ins Fußballstadion nach Baiersbronn gekommen. Ein Foto hier, ein Autogramm dort. 15 Mark Eintritt kostet das Testspiel gegen Racing Straßburg inklusive Blick auf Berti. Soviel wie "80 Liter Benzin" (Vogts) in Kuwait. Der Stadionsprecher hebt die Stimme: "Wir begrüßen für Kuwait Berti Vogts." Der 54-Jährige genießt es, so gefragt zu sein. Daheim in Deutschland haben sie ihm weh getan. Aus als Bundestrainer, Rauswurf in Leverkusen. Viele haben ihn ausgelacht. Jetzt steht er im Mittelpunkt wie die Alten der Politik. Wie Hans-Dietrich Genscher, Klaus Kinkel, Helmut Schmidt, die zu Wort kommen, wenn es irgendwo auf der Welt kriselt.

Im Fußball gibt es Berti Vogts und ein paar andere. Erstaunlich gelassen gelingt ihm die Wanderung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Wer als Trainer nach Kuwait geht, der hat in der Branche nicht mehr die große Auswahl auf dem Arbeitsmarkt. "Ich wollte Distanz schaffen zu Deutschland", sagt er entspannt. Warum ist er dann jetzt hier? "Der Schwarzwald ist meine zweite Heimat", sagt er. Die zeigt er nun seinen Spielern, den reichen Wüstensöhnen, "die nicht Fußball spielen müssen, aber wollen."

Kein leichter Job für ihn und seinen Assistenten Wolfgang Rolff. In Kuwait ist das Gras höher (wegen der Hitze), der Ball nicht so hart aufgepumpt. "Da ist die Schusshaltung anders. Wir müssen einfachste Passfolgen üben." Der Fußballlehrer und Deutschland-Experte Vogts als Grundschullehrer und Entwicklungshelfer. Bald soll Bundestorwarttrainer Sepp Maier für eine Woche kommen, weil die Kuwaitis ein Torwartproblem haben. Kuwait, findet er, müsse jetzt Profifußball einführen. Mit den acht Amateurteams der ersten Liga, fürchtet er, komme das Land nie zur WM 2006. Es wird ein weiter Weg, "weil die bei mittelmäßigem Tempo" Schwierigkeiten haben. "Katar, die Emirate und die Saudis sind noch stärker. Bis zum Golf-Cup müssen wir aufholen."

Als die Kuwaitis im beschaulichen Baiersbronn gegen Racing Straßburg 1:2 verlieren, rufen sie "der Ball ist zu hart". Aber Berti bleibt unerbittlich. "Move out", sagt er, rudert mit den Armen und lächelt milde. Von außen ist der Eindruck oft viel weniger aufgeregt. Da wirkt selbst die 20-Millionen-Überweisung von Bayern München an Sebastian Deisler wie ein Trinkgeld. "Wenn ich die Vermögensverhältnisse der Familie meines Kapitäns sehe, dann sind 20 Millionen wirklich nicht viel", sagt er und grinst. "Was ist viel", sagt er, "das frage ich mich in Kuwait oft." 1,3 Millionen Mark soll er im Jahr bekommen, heißt es. Brutto, netto? Es ist Kuwait, Koch und Hausboy können bügeln und nähen. Vieles ist anders. "In der Halbzeit gehen die Leute nicht in den Vip-Raum, sie gehen beten." Das muss man akzeptieren.

"Wir Deutsche denken immer, wir seien das Nonplusultra." Ein bisschen Deutsch aber findet Vogts für seine Spieler ganz gut. "Die müssen die europäische Robustheit lernen." Das will er ihnen beibringen in den nächsten 14 Tagen, die er im Vergnügungspark Europapark Rust mit ihnen verbringt. Ein paar der jungen Burschen werden sich noch wundern. Am ersten Tag durften sie auf die Berg- und Talbahn und die Karussells. "Die haben gedacht, es geht so weiter." Das wird es nicht. Schon allein, weil auch bei Berti Vogts der Blutdruck steigt, je näher es auf Samstag und dieses Spiel der deutschen Mannschaft gegen die Ukraine zugeht. Bundestrainer bleibt einer wie Berti Vogts immer, auch wenn er in Kuwait arbeitet, um die Wunden zu pflegen, die sie ihm in Deutschland beigebracht haben. "Das Einzige, was mir dort wirklich fehlt, ist die Familie, die ich nur alle sechs Wochen sehe", sagt er und seufzt. Dann fehlt noch ein deutscher Sieg am Samstag. "Aber das schaffen wir", sagt Berti Vogts, "Deutschland wird sich qualifizieren."

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