Sport : Deutschland fürchtet sich

Gegen die Tschechen agiert die Nationalelf lange nervös und scheidet nach einem 1:2 aus der EM aus

Michael Rosentritt[Lissabon]

Rudi Völler hatte seine eigene Taktik geändert. Für das entscheidende Spiel in der Vorrunde der Fußball-Europameisterschaft gegen Tschechien hatte er sich mit verschränkten Armen an der Seitenlinie aufgestellt – und blieb dort stehen, während seine Spieler versuchten, den Ball auf dem Rasen zum Laufen zu bringen. Normalerweise schaut sich der Teamchef der deutschen Nationalmannschaft die Spiele zunächst im Sitzen an – doch je ängstlicher seine Mannschaft agierte, umso nervöser rannte Völler herum. Doch Völlers Engagement übertrug sich selten auf sein Team. Gegen die Tschechen verloren Völlers Fußballer trotz eines Führungstors von Michael Ballack mit 1:2 (1:1). Den Ausgleich erzielte Marek Heinz, den Endstand besorgte Milan Baros. Damit ist Deutschland – wie bei der EM vor vier Jahren – in der Vorrunde ausgeschieden.

Die Niederländer, die zeitgleich 3:0 gegen die Letten gewannen, konnten sich mit den Tschechen für die nächste Runde qualifizieren. Dort spielen sie am Samstag gegen Schweden, am Sonntag treffen die Tschechen auf Dänemark.

Über weite Strecken zeigte die deutsche Mannschaft eine enttäuschende Leistung. Die Tschechen, die neun ihrer Stammspieler für das Viertelfinale zunächst schonten, kombinierten auch mit ihrer Ersatzmannschaft sicher. Die Deutschen, die zunächst nur mit Kevin Kuranyi als einzige Spitze angetreten waren, schoben sich den Ball nervös quer im Mittelfeld zu. Abgesehen von Michael Ballack, der als offensiver Mittelfeldspieler eine herausragende Leistung bot, gab es zu wenig Bewegung. Selbst in Überzahlsituationen gelang es den Deutschen nicht, das Spiel unter Kontrolle zu bringen. Auf den Außenpositionen konnte einzig Philipp Lahm und der in der zweiten Halbzeit eingewechselte Lukas Podolski für Überraschungsmomente sorgen.

Von Beginn an zeigten die Tschechen, dass sie nicht gewillt waren, den Deutschen das Spiel zu überlassen. Angetrieben vom ehemaligen Bundesliga-Profi Heinz wären sie fast in der vierten Spielminute in Führung gegangen. Einen Freistoß von Heinz ließ die deutsche Abwehr durch den Strafraum streichen, zwei Meter vor dem Tor kam Martin Jiranek an den Ball, vermochte es aber nicht, ihn an Oliver Kahn vorbei ins Tor zu setzen.

Auf den ersten Torschuss ihrer Mannschaft mussten die 20 000 deutschen Fans in Lissabon zwanzig Minuten lang warten. Da zog Ballack erstmals ab, sein Versuch wurde aber abgewehrt. Die darauf folgende Ecke führte dann zu wirklicher Gefahr – und zum überraschenden 1:0. Schneider gab den Ball ins Zentrum, an der Strafraumgrenze ließ der bei seinem ersten Spiel von Beginn an sehr engagierte Bastian Schweinsteiger den Ball kurz abtropfen, so dass Ballack frei zum Schuss kam. Mit dem linken Fuß zielte er unhaltbar in die linke Torecke. Völler ballte jubelnd die Faust.

Die Tschechen ließen sich dennoch nicht irritieren. Nach einer halben Stunde erkämpfte sich Heinz einen Freistoß 22 Meter vor dem deutschen Tor. Als er antrat, stellten sich nur vier deutsche Spieler zu einer Mauer auf, Kahn hielt es zudem nicht für angebracht, die Mauer auszurichten. Heinz lief an, schoss präzise – und der Ball flog über die Mauer hinweg ins deutsche Tor.

Zur Halbzeit reagierte Völler taktisch und brachte für den völlig enttäuschenden Torsten Frings den 19 Jahre jungen Lukas Podolski. Dieser sollte nun mit dem ebenfalls 19-jährigen Schweinsteiger die deutsche Offensive beleben. Immerhin trauten sich die Deutschen nun, aufs Tor zu schießen. Allerdings kam zu den begrenzten spielerischen Fähigkeiten auch Pech hinzu. Zunächst verfehlte Ballack aus 25 Metern nur knapp. Auch Podolski konnte Torhüter Jaromir Blazek aus Nahdistanz nicht überwinden. Nach einer guten Stunde traf Ballack mit einem Schuss sogar den Pfosten, der Ball prallte zurück in den Strafraum. Der glücklos agierende Bernd Schneider kam freistehend an den Ball, schoss aber Blazek an.

Mitten in die kurzzeitige Druckphase der Deutschen allerdings fiel die Entscheidung. Der eingewechselte Baros, der schon im Spiel gegen Holland geglänzt hatte, vollendete einen Konter zum 2:1-Endstand für Tschechien.

Rudi Völler, über dessen Arbeit nun in Deutschland eine Diskussion beginnen wird, stand reglos am Rand des Rasens. Er schüttelte den Kopf.

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