Sport : Deutschland geht spielen

Nach der WM freut sich der organisierte Fußball über junge Mitglieder und Fans – vor allem weibliche

Robert Ide

Berlin - Jennifer Hilcken spielt Fußball seit der Weltmeisterschaft. Das zehn Jahre junge Mädchen aus Berlin-Rudow sah mit den Eltern die Spiele auf dem Fanfest im Treptower Park, und am 1. Juli nahm sie eine Freundin auf den Fußballplatz mit. „Es war ein Punktspiel der Mädchen, und als ich eingewechselt wurde, habe ich den Ball an den Kopf bekommen, da musste ich wieder ausgewechselt werden“, erzählt Jennifer am Telefon. Dennoch ist sie begeistert vom Fußball, meist spielt sie in der Abwehr, „vorn bin ich schlecht, aber meine Eltern sagen, dass ich gut bin“. Nach dem WM- Sommer hat Jennifer beschlossen, in einen Verein einzutreten, den SV Stern Britz. Ihrem „Antrag auf Erstausstellung einer Spielerlaubnis“ ist nun entsprochen worden. Sie ist das 100 000. Mitglied eines Fußballvereins in Berlin.

Der WM-Boom kommt erst in diesen Monaten im deutschen Fußball an. Viele Klubs verhängen Aufnahmestopps – der Andrang ist zu groß nach einer begeisternden Weltmeisterschaft. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat sich vorgenommen, den Schwung zu nutzen, um jugendliche Mitglieder zu werben. „Wir müssen stärker in die Schulen gehen“, fordert DFB-Präsident Theo Zwanziger. Nun bekommen interessierte Schulen Fußbälle und Übungsstunden von Vereinstrainern geschenkt. Wie viele Mitglieder das insgesamt bringt, kann der DFB allerdings erst im Februar sagen.

Was ist von der WM geblieben – abseits einer wieder euphorisierten Nationalmannschaft? Auf alle Fälle eine Menge Geld. Das WM-Organisationskomitee hat einen Überschuss von 56,6 Millionen Euro erwirtschaftet; der Ertrag wurde je zur Hälfte an den Ligaverband und die Landesverbände ausgeschüttet. „Es gibt eine gemeinnützige Zweckbindung der Mittel“, sagt Horst R. Schmidt vom Organisationskomitee. So sollen Projekte gegen Gewalt gefördert werden. Beim Berliner Fußball-Verband wird eine Teilzeitkraft eingestellt, die Vereine in Sachen Gewaltprävention schulen soll. „Wir verwenden aber zwei Drittel des Geldes dafür, um unsere finanzielle Lage aufzubessern“, sagt Berlins Fußballchef Bernd Schultz. Die Deutsche Fußball-Liga berät noch, wie sie ihre Mittel verteilt. „Wir prüfen, ob das Geld für gemeinnützige Zwecke ausgegeben werden muss“, sagt Ligachef Werner Hackmann. „In diesem Fall könnten wir es nicht an Vereine verteilen, die etwa Aktien- und Kommanditgesellschaften sind.“

Abgesehen von diesem Luxusproblem hat vor allem der Profifußball von der WM profitiert – durch die neuen Stadien. Selbst in Städten, in denen nicht einmal die Zweite Liga spielt, wurde in Spielstätten investiert. Das frühere Interesse von Magdeburg und Dresden, als Spielorte bei der WM dabei zu sein, zahlt sich für die Fußballfans dort jetzt aus.

Die Fans sehen sich nach der WM sowieso gestärkt. „Es hat sich gezeigt, dass eine Veranstaltung nur gemeinsam mit uns erfolgreich aussehen kann“, sagt Michael Gabriel von der Koordinationsstelle der Fanprojekte. Seit der WM bindet der DFB die Fans stärker ein, so wurde Gabriel in die Task Force gegen Rassismus berufen. Schließlich sind nach der WM „alte Probleme aus den neunziger Jahren wieder aufgetaucht“, wie Gabriel sagt. Dunkelhäutige Spieler wurden vor allem auf ostdeutschen Fußballplätzen rassistisch beleidigt. Auch Pöbeleien und Gewalt schreckten die Öffentlichkeit auf. So könnte ein Publikum wieder vertrieben werden, das der deutsche Fußball seit der WM gewonnen hat: weibliche Fans und junge Familien, die die Zuschauerzahlen in Deutschland zu den höchsten in Europa ansteigen ließen.

„Die neuen Fans nachhaltig zu begeistern, bleibt die Aufgabe“, sagt Horst R. Schmidt, der immer noch Vizepräsident des WM-Organisationskomitees ist und gerade letzte Abwicklungsaufgaben erledigt. „Wir müssen noch unsere Steuern zahlen und vielen Mitarbeitern Zeugnisse ausstellen“, sagt Schmidt. Neben Präsident Franz Beckenbauer ist er der letzte von einstmals 300 Mitarbeitern.

Horst R. Schmidt will jetzt dem Weltverband Fifa bei den Vorbereitungen für die WM 2010 in Südafrika helfen. Franz Beckenbauer macht dort gerade Urlaub.

Lesen Sie morgen: Wie sich Südafrika auf die WM 2010 vorbereitet

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