Sport : Deutschland - Griechenland: Es geht vorwärts aber bis wohin? (Kommentar)

Michael Rosentritt

Rudi Völler ist ein emotionaler Führer, einer der Charisma besitzt und der moderne Uwe Seeler ist. Das hat der kugelrunde Fußballmanager Reiner Calmund aus Leverkusen gestern gesagt. Nun sagt Calmund kaum weniger als Franz Beckenbauer, hat aber dafür nicht seltener Recht. Wahr ist, dass Völler etwas Treibendes an sich hat. Allein sein Dasein löste etwas aus, dabei hat er doch nur gesagt: "Die Zeit der Ausreden ist vorbei." Einem fast identischen Kader, der noch bei der Europameisterschaft in sich zusammengebrochen war, hat er Leben eingehaucht. Plötzlich laufen sie, die deutschen Nationalspieler. Sie zeigen Einsatz, Willen und riskieren mal wieder was.

Völler verging sich Zeit seinem aktiven Fußballerlebens nie an der Volksseele. Sein Name steht eben für diese Tugenden. Und nur über diese Tugenden wird es dem deutschen Auswahlfußball gelingen, sich vom Boden zu erheben. Bessere Fußballer sind sie deswegen noch nicht geworden, die Herren Nowotny, Ballack oder Jancker.

Aber die Ansprüche hierzulande sind ja nicht mehr so hoch. Der geneigte Zuschauer freut sich schon über Selbstverständlichkeiten, wenn die auserwählten Spieler unten auf dem Rasen wieder kämpfen. Das tun sie wirklich wieder. Befremdend wirkt aber, dass einige Medien, wie beispielsweise der übertragende Sender, die ersten positiven Ansätze überhöht. Eine solche Leistung wie die gegen Griechenland hätte nie und nimmer so gute Kritiken bekommen, wenn der Trainer Ribbeck oder Vogts geheißen hätte. Auch hier zieht der Völler-Bonus.

Verbesserungen sind unter dem neuen Teamchef unübersehbar. Aber auch sie sind nur in einem bestimmten Umfang möglich. Völler hat erfolgreich an Charakter, Moral und Ehre appelliert. Spielerische, also taktische und technische Defizite zu anderen Nationen bestehen weiter. Auf lange Sicht wird Deutschland wieder besser Fußball spielen müssen. Erlernt werden kann aber auch das nur bis zu einem bestimmten Punkt. Besser Fußball spielen heißt vor allem, kreativer zu spielen. Das funktioniert weder auf Knopfdruck noch per Anweisung. Kreativität entspringt immer einer besonderen Begabung. Und die hat man, oder man hat sie nicht. Völler hat eine andere, eine, die gerade jetzt wichtig ist. Aber Tore wird er nicht mehr schießen können. Das hat er nun wirklich mit Uwe Seeler gemein.

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