Sport : Deutschland kickt für sich

Jürgen Klinsmann engagiert sich mit seiner Stiftung weltweit für den Straßenfußball – aber für die WM 2006 bevorzugt der DFB lieber seine eigenen Projekte

Friedhard Teuffel

Berlin. In einem hohen Haus hat Jürgen Klinsmann gerade über eine Bewegung von ganz unten gesprochen. Er war im House of Lords in London bei einer Veranstaltung zum Straßenfußball. „Fußball ist eine globale Sprache der sozialen Integration“, findet Klinsmann. Der Fußball-Weltmeister ist Präsident der Stiftung Jugendfußball, die den Straßenfußball mit verschiedenen Projekten fördert. In England hat der Graswurzelfußball nicht nur den Weg ins House of Lords gefunden: 53 Millionen Pfund (umgerechnet 76 Millionen Euro) gibt der englische Sport jedes Jahr für mehr als 600 Fußballprojekte aus. Er finanziert mobile Flutlichtanlagen, unterstützt Fußball für Behinderte, setzt sich für den Mädchenfußball ein. In Deutschland dagegen erhält Klinsmanns wichtigstes Projekt nur wenig Unterstützung.

Der Straßenfußball sollte im Zuge der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland den entscheidenden Kick bekommen. Und im Auftrag von Klinsmann hat sich Jürgen Griesbeck einiges dazu ausgedacht. Griesbeck ist der Projektleiter von „Streetfootballworld“, dessen Träger Klinsmanns Stiftung ist. „Der Fußballfamilie fehlt ein Mitglied“, sagt Griesbeck, „es ist der Fußball, der in der Jugendarbeit zur Förderung sozialer Fähigkeiten eingesetzt werden kann.“ Die Kraft des Fußballs will Griesbeck vor allem zur Integration nutzen. Den Vereinen fehle manchmal die soziale Kompetenz, und den Jugendeinrichtungen die fußballerische. Die Stärken der beiden will Griesbeck miteinander verbinden.

Damit hat er gute Erfahrungen gemacht. Bei seinem Projekt „Fußball für den Frieden“ in Medellin ist es während der 5000 Spiele zwischen 1996 und 1999 zu keiner gewalttätigen Auseinandersetzung gekommen, obwohl Kolumbien auf der Welt zu den Ländern mit der höchsten Straßenkriminalität zählt. Als durch Brandenburg eine Welle rechtsradikaler Gewalt schwappte, holte ihn die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Antje Vollmer, nach Brandenburg. Auch dort hatte Griesbeck Erfolg mit seinem eigenen Fußball-Ansatz: Zwei Mannschaften machen die Regeln einfach unter sich aus, und das erste Tor muss ein Mädchen schießen.

Als die Fußball-WM dann nach Deutschland vergeben wurde, glaubte Griesbeck an eine neue Chance: aus dem Brandenburger Projekt eines für die ganze Republik zu machen. In der Aktion „Schulen zeigen Flagge“ sollten sich Schüler mit einem Land beschäftigen und auch viel Straßenfußball spielen. Mit Ausnahme des Bundesjugendministeriums hat Griesbeck aber noch keine finanziellen Förderer gefunden. Das liegt nicht daran, dass es nicht genug Menschen gibt, die seine Projekte großartig finden. Die Gründer seines Trägervereins sind neben Klinsmann andere Fußball-Weltmeister von 1990, Pierre Littbarski, Andreas Brehme, Jürgen Kohler. Schirmherr ist Bundeskanzler Schröder.

Im Januar hatte Antje Vollmer sogar einen Brief an Franz Beckenbauer geschrieben mit der Bitte, das Projekt zu unterstützen, „damit es auf der Basis einer gesicherten Finanzierung seine Wirkung entfalten kann“. Sie verbürge sich für Griesbecks Arbeit. Beckenbauer schrieb freundlich zurück und stellte in Aussicht, sich noch einmal an einen Tisch zu setzen. Inzwischen hat sich das Organisationskomitee der Fußball-WM jedoch für ein eigenes Projekt entschieden. „Talente 2006“ heißt es und ist im Wesentlichen ein Wettbewerb für Schüler, die das Thema Fußball kreativ bearbeiten sollen: mit einem Theaterstück, einem Film, einem Gedicht oder einem Musikstück. Gerd Graus vom Organisationskomitee sagt: „Ich finde nicht, dass wir eine Chance vertan haben. Wir haben eine andere Chance genutzt.“ Graus ist von Griesbecks Projekt angetan: „Aber mit unserem Wettbewerb sehen wir unsere Wünsche besser verwirklicht.“ Alle Schulen könnten sie damit erreichen, während Griesbeck zunächst an 200 Schulen anfangen wollte. Der organisierte Fußball hat den Graswurzelfußball – im Gegensatz zu England – nicht an die Hand genommen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) fördert vor allem seine eigene Vereinsstruktur: Winfried Hermann, Abgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, der im Auftrag des Deutschen Bundestags in London dabei war, findet: „Der DFB hat die soziale Dimension des Straßenfußballs noch nicht richtig erkannt.“ Beeindruckt haben ihn die Engländer. Fünf Prozent der Fernseheinnahmen des Fußballs fließen jedes Jahr in Nachwuchs- und Straßenfußballprojekte.

Projektleiter Griesbeck sagt: „England möchte die Basis erweitern. In Deutschland gibt es nur für wenige Auserwählte mehr Training.“ Er durchlebt gerade die Schwierigkeiten eines gewöhnlichen Jugendsozialarbeiters: von einem zum anderen geschickt zu werden, sich loben zu lassen, aber dann doch wieder mit leeren Händen abzuziehen. Sein Konzept passt nicht zu vielen Geldgebern. Das Organisationskomitee und der DFB haben eigene Pläne. Große Sportartikelkonzerne unterstützen meist ein großes Ereignis, Griesbeck aber will nachhaltig arbeiten. „Das Event Fußball-WM ist für uns ein Meilenstein, aber nicht das Ziel des Projekts“, sagt Griesbeck. In der Bewerbung für die WM 2006 hatte sich Deutschland noch als „Fußball-Land“ bezeichnet. Das europäische Straßenfußball-Land aber ist England.

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