• DEUTSCHLAND SPIELT WEITER Die Fans in Südafrika feiern: Der englische Löwe brüllt nicht

DEUTSCHLAND SPIELT WEITER Die Fans in Südafrika feiern : Der englische Löwe brüllt nicht

Ist das noch die feine englische Art? Ein als Queen verkleideter England-Fan wird am Stadioneingang für ein Foto von zwei Landsmännern in die Mitte genommen. „Fass ihr an die Brüste, mach schon“, ruft der Kumpel mit der Kamera. Es ist wohl nicht mehr so weit her mit den englischen Sitten. Lange Jahre hatten Duelle von England und Deutschland nicht nur aufgrund der Rivalität auf dem Rasen ihren Reiz. Auch die gegensätzliche Auffassung von Sangeskunst beim Anhang machte Partien zu einem Ereignis. Die britische Band Lightning Seeds machte sich im Videoclip zu ihrem Welthit „Three Lions (Football’s coming home)“ über das stillose Auftreten der deutschen Fans lustig, indem sie diese als Barbaren-Truppe mit Schnauzbart und Vokuhila stilisierte. Mehr als tumbe „Deutschland, Deutschland“-Schlachtrufe waren von solchen Hinterwäldlern nicht zu erwarten. Der englische Fanblock hingegen glänzte mit Chorälen, Kanons, Frage-Antwort- Gesängen oder auch durchgetexteten Schlagern. Doch die Plastiktrompete hat diese Eigenart ins Wanken gebracht. Das Spiel war geprägt vom allgegenwärtigen Grundrauschen der Vuvuzela. Das Buhen beim Deutschlandlied aus dem Englandblock löst fast nostalgische Gefühle aus. Die einsame Trommeln und der sich anschließende, stakkatohafte „England“-Ruf verschafft einem nach zwei Wochen WM ein wohliges Gefühl im Bauch. Dazu kommt von der anderen Seite ein scheues „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid“. Das war es denn aber auch schon. Bei dieser WM brüllt der englische Löwe nicht, er trötet lieber. Denn Fans aus beiden Lagern haben eines gemein: Sie versuchen offenbar, sich auf die Eigenheiten des Landes einzulassen. Während im Stadion die Südafrikaner rhythmisch und situativ ihr Horn einsetzen – manchmal auch nur, um es in einer Performance über den Köpfen zu schwingen – pusten die Europäer mit aller Kraft bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Nur bei der Hymne „God save the Queen“ – wenn per Videotafel das Stadion zum Ruhigsein aufgefordert wird – erhebt sich die Kraft der tausend englischen Fan-Stimmen. Wenigstens in dem Punkt haben sie die Etikette ihrer Königin gegenüber wohl noch nicht vergessen. Tim Jürgens, Bloemfontein

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