Sport : Deutschland stellt die Trainerfrage Trotz Bronze für Steffi Nerius

steht der Verband unter Druck

Jörg Wenig

Paris. Wer das Leistungsvermögen der deutschen Leichtathleten vor Beginn der Weltmeisterschaften in Paris realistisch eingeschätzt hatte, der durfte nicht viel erwarten. Erstmals ohne echte Goldchance war das 63-köpfige Team zur WM gereist. Acht mehr oder weniger große Chancen auf eine Medaille, mehr war nicht denkbar. Die Hälfte davon war wirklich realistisch.

Es lief aber noch schlechter. Bis gestern standen die deutschen Athleten dreimal auf dem Podest: Silber ging an Stabhochspringerin Annika Becker, Bronze an den 50-km-Geher Andreas Erm sowie an Speerwerferin Steffi Nerius. Nerius reichte am Samstag gegen schwache Konkurrenz ein guter Wurf, um die dritte Medaille für den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) zu gewinnen. Die Leverkusenerin feierte ihren dritten Platz wie einen Sieg und knotete sich ein Stirnband um. Darauf stand: „Merci Paris“.

Das schwächste deutsche Abschneiden bei einer WM konnte auch sie nicht verhindern. Vor acht Jahren in Göteborg gab es je zwei Mal Gold, Silber und Bronze. Nun müssten die Funktionäre des DLV von einem Reinfall reden. Sie waren es, die von fünf bis acht deutschen Medaillen geträumt hatten. Zudem war es ihr Ziel, Platz drei hinter den USA und Russland in der Punktewertung zu verteidigen. Diese Tabelle ist aufschlussreicher als der Medaillenspiegel. Darin werden die Plätze eins bis acht berücksichtigt. Bis gestern lag das deutsche Team auf Rang sechs. Das ist schlecht – auch weil die Ergebnisse dieser WM und der Olympischen Spiele 2004 über die Förderung der deutschen Leichtathletik von 2004 bis 2008 entscheiden werden.

„Wir müssen Athleten fördern, die Perspektiven haben“, sagte DLV-Präsident Clemens Prokop. Und Leistungssportchef Rüdiger Nickel meinte: „Wir müssen erfolgreiche Junioren zu internationaler Klasse führen.“ Dem DLV und seinem Cheftrainer Bernd Schubert wird vorgeworfen, eine zu zentralistische Leistungssteuerung zu betreiben. Die Athleten müssen an zahlreichen nationalen Qualifikationen teilnehmen, in Paris aber fehlte vielen von ihnen internationale Erfahrung. Die gibt es nur bei den großen Meetings. Bis auf wenige Ausnahmen – etwa Speerwerfer Boris Henry und die 4 x 400- m-Staffel der Frauen, die heute die letzten deutschen Medaillenchancen haben – haben sich die Deutschen der internationalen Konkurrenz entzogen. Deshalb ist es längst Zeit, auch Fragen nach Fehlern von Trainern und Funktionären zu stellen. Im Sprint hat sich ebenso wenig bewegt wie im Laufbereich.

In Zeiten, da das Hochleistungspotenzial der DDR aufgebraucht ist und das Geld bald knapp werden dürfte, lohnt sich ein Blick nach Schweden. Aus finanziellen Gründen müssen die Skandinavier auf individuell arbeitende Gruppen mit hoch motivierten Athleten bauen. Das WM-Ergebnis bisher: zweimal Gold, einmal Silber, einmal Bronze.

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