Deutschlands Gegner : Der Aufstieg des russischen Fußballs

Russland ist am Sonnabend in der WM-Qualifikation Gegner des DFB-Teams. Ausländische Trainer, neues Selbstbewusstein und viel Geld bringen Nationalteam und Klubs Erfolge.

Tino Künzel[Moskau]

Sogar Guus Hiddink hört sich kompliziert an, wenn es um die Irrungen und Wirrungen der russischen Seele geht. „Wir sollten stolz auf unser Abschneiden bei der EM sein“, sagte Russlands Nationaltrainer diese Woche und lieferte eine tiefenpsychologisch Erklärung mit, warum sich das gar nicht unbedingt von selbst versteht: „Mir ist gesagt geworden, dass sich die Leute hier bisweilen für ihre Erfolge genieren, weil sie die Verantwortung fürchten, die damit einhergeht.“

Der Holländer hatte in Russland zwei Jahre Zeit zum Gedankenlesen. Dabei ist ihm offenbar klar geworden, dass er es mit Virtuosen im Meckern zu tun hat, zumal eines Meckerns, das keinen Impuls zur Veränderung beinhaltet, sondern nach Gründen sucht, warum jede Anstrengung zum Scheitern verurteilt sein muss. Hiddink scheint bei aller Wertschätzung, die ihm entgegengebracht wird, nicht vergessen zu haben, wie nach dem 1:4 gegen Spanien im ersten Gruppenspiel der EM das halbe Land abwinkte: Wir haben’s doch gleich gewusst.

Das Nationalteam stand im EM-Halbfinale, St. Petersburg holte den Uefa-Cup

Doch 2008 geht als Jahr des Aufstiegs in Russlands Fußballhistorie ein: Die Fans von Zenit St. Petersburg feierten den Sieg im Uefa-Cup und Supercup, das Nationalteam kam ins EM-Halbfinale. In Dortmund tritt die Elf mit neuem Selbstbewusstsein an. „Wir spielen auf Sieg“, sagte Kapitän Sergej Semak dem Internetportal Sportbox.Ru. Im Westen wird oft unterschätzt, wie lernfähig und lernwillig die russische Gesellschaft ist, wie Schlüsselpositionen mit einer neuen Generation von Entscheidungsträgern besetzt werden. Der frühere Verbandspräsident Wjatscheslaw Koloskow, ein Apparatschik alter Schule, musste 2005 seinen Stuhl räumen – nach Intervention des Kremls. Seinen Platz nahm Witalij Mutko ein, vormals Präsident bei Zenit St. Petersburg und neuerdings auch Sportminister. Er holte Hiddink nach Russland und überredete Oligarch Roman Abramowitsch, Hiddinks Zwei-Millionen-Euro-Gehalt zu tragen.

Wer in Russland  gespielt hat, findet die Bedingungen anderswo spartanisch

Doch unter Mutko wurde auch begonnen, in die Infrastruktur zu investieren. Abramowitschs „Nationale Fußballakademie“ finanziert landesweit die Ausbildung von Nachwuchstrainern. In Togliatti an der Wolga wurde eine Fußballschule eröffnet, die zu den besten in Europa gehört. Holländische Trainer leiten die Nachwuchsabteilungen von Klubs wie Dynamo Moskau.

Allein in Moskau sind zwei reine Fußballstadien im Bau. Ivan Saenko, vom 1. FC Nürnberg zu Spartak Moskau gewechselt, sagte der Wochenzeitung „Fußball“: „Wie man sich hier um die Spieler kümmert, das gibt es wahrscheinlich nirgendwo auf der Welt.“ Roman Pawljutschenko, einziger Legionär in Russlands Nationalmannschaft, schilderte denn auch die Verhältnisse bei Tottenham Hotspur als vergleichsweise spartanisch.

Advocaat, Hiddink und Laudrup arbeiten als Trainer in Russland

Die Millionen, die Gazprom, Lukoil und andere Rohstoffkonzerne investieren, erhalten hauptsächlich die russischen Spieler, die auch früher schon führende Rollen in Nationalelf oder Klub innehatten. Oder junge Talente wie der 18-jährige Alan Dsagojew: Nach sieben Toren und fünf Torvorlagen in 14 Spielen für ZSKA Moskau wurde der Stürmer für das Spiel am Sonnabend gegen Deutschland nominiert.

Ausländische Stars scheuen ein Engagement in Russland nach wie vor. Der Portugiese Danny, den St. Petersburg im Sommer für 30 Millionen Euro von Dynamo Moskau verpflichtete, war bis dahin in Europa relativ unbekannt. Und dass Jan Koller seine Karriere in Samara ausklingen lässt, ist noch kein neuer Trend. Die wirklich großen Namen sind bisher die Trainer: Hiddink, Dick Advocaat (Zenit), Michael Laudrup (Spartak). Sie sind es , die den russischen Profis ihre Wankelmütigkeit und Stimmungsabhängigkeit auszutreiben. Und sie noch besser machen.

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