Deutschlands Viertelfinalgegner : Japan kämpft friedlich bis zum Tod

Japans Trainer Sasaki überrascht mit brachialer Rhetorik für sein zartes Team. Deutschlands Viertelfinal-Gegner fällt durch wenige Fouls und viele Kombinationen auf

von
Big in Japan. Aya Miyamavie setzt sich gegen Englands Jill Scott durch.
Big in Japan. Aya Miyamavie setzt sich gegen Englands Jill Scott durch.Foto: AFP

Wenn der Dolmetscher nicht irrte, dann hat Norio Sasaki am Dienstag in Augsburg einen sehr seltsamen Satz gesagt. Es ging dabei um die Ansprache des Trainers in der Halbzeitpause des Spiels gegen England. Die Japanerinnen hatten es wie gewohnt auf höchstem technischen Niveau geführt, dabei allerdings die kämpferische Note ein wenig vernachlässigt, auch das nichts unbedingt Neues. Japan lag 0:1 zurück, kein Drama, die Qualifikation für das Viertelfinale war längst geschafft. Norio Sasaki aber hatte offensichtlich große Erwartungen in dieses letzte Vorrundenspiel gesetzt, was er denn auch seinen Spielerinnen unmissverständlich klar machte: „Ich habe ihnen gesagt, dass sie dieses Spiel noch gewinnen können. Aber dafür müssen sie kämpfen bis zum Tod.“ Und, damit es auch jeder versteht, wiederholte er seine Worte noch einmal: „Kämpfen bis zum Tod.“

Hat alles nichts geholfen, England gewann 2:0 und reichte die Japaner als Viertelfinalgegner an die Deutschen weiter. Man kann sich ganz gut vorstellen, was Sasakis Kollegin Silvia Neid sich hätte anhören dürfen, würde sie vom Kampf bis zum Tod schwadronieren. Beider Trainer Heimat verbindet bekanntlich eine unselige militaristische Tradition. Auch in Deutschland war es vor nicht allzu langer Zeit noch üblich, erfolgreiche Stürmer als Bomber zu bezeichnen und besonders scharfe Schüsse als Granaten. Die Japaner nennen ihre Nationalmannschaft noch heute Blaue Armee, und Kamikaze gehört neben Sushi zu den wenigen japanischen Vokabeln, die einen Platz gefunden haben in der deutschen Alltagssprache.

Es ist nur so, dass bei dieser Frauenfußball-Weltmeisterschaft alle martialische Rhetorik so überhaupt nicht korrespondiert mit der Wahrheit auf dem Platz. Keine Mannschaft tritt so friedliebend auf wie die japanische, vielleicht mal abgesehen von den jungen Hüpfern aus Kolumbien, aber für die ist das Turnier auch schon zu Ende. Fouls sind für die Japanerinnen in der Fortsetzung der englischen Gentleman-Tradition nicht ladylike. Was den Körperkontakt betrifft, erinnert das japanische Spiel zuweilen an Basketball (aus der Zeit, als Basketball noch als körperloses Spiel galt). „Ja, das ist ein Problem“, sagt Norio Sasaki, „dem müssen wir uns stellen. Wir trainieren das auch, aber unsere Spielerinnen sind nun mal nicht so kräftig“, wie es am Dienstag die Engländerinnen waren und am Samstag die Deutschen sein werden.

Diesen Wettbewerbsnachteil will der japanische Trainer „durch unsere Teamleistung ausgleichen“, aber hier liegt das nächste Problem. Zwar verstehen sich die Japanerinnen wunderbar darauf, den Ball zirkulieren zu lassen, aber sie haben daran offenbar so großen Spaß, dass sie dieses Zusammenspiel nur sehr ungern zu einem Ende führen, etwa mit einem Torschuss. Das hätte im ersten Spiel gegen Neuseeland beinahe in einem Unentschieden geendet, wurde beim 4:0 über Mexiko nur durch drei Tore der eigentlich fürs Vorbereiten zuständigen Homare Sawa kaschiert und machte am Dienstag den Unterschied gegen das technisch deutlich unterlegene England. Von Japans deutschem Sturm mit den an die Bundesligahärte adaptierten Yuki Nagasato (Potsdam) und Kozue Ando (Duisburg) ging wenig bis gar keine Gefahr aus.

Auch Norio Sasaki konstatiert eine „gewisse Schwäche im Abschluss, gegen England haben wir nichts riskiert, wir hätten öfter mal aufs Tor schießen müssen, da haben wir einfach nicht die richtigen Entscheidungen getroffen“. Aber, genug der Selbstkritik, man möge jetzt doch bitte nicht behaupten, „dass alles schlecht gewesen ist“. Die Spielerinnen hätten ihre Lektion gelernt und seien voller Vorfreude auf das Spiel am Samstag in Wolfsburg. Und es stört sie überhaupt nicht, dass es jetzt gegen den Gastgeber, WM-Favoriten und zweimaligen Weltmeister geht? Da lächelt Norio Sasaki sein höflichstes Lächeln und sagt: „Das ist uns egal, ob nun gegen Deutschland oder Frankreich, wir sind immer noch überzeugt davon, das wir ins Endspiel kommen und Weltmeister werden können.“

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben