Sport : Deutschstunden als letzte Hoffnung

MARKUS HESSELMANN

ROSTOCK .Rostock rotiert.Doch was beim Bundesliga-Tabellenführer Bayern München bestaunt wird, geschieht beim Abstiegskandidaten FC Hansa Rostock aus blanker Not.Rotation - das Modewort dieser Bundesliga-Saison, mit dem die flexible Personalpolitik des Meistermachers Ottmar Hitzfeld besungen wird, klingt Hansa-Trainer Andreas Zachhuber wie Hohn in den Ohren.Denn auch er betreibt ein Wechselspiel - allerdings ohne teure Spieler auf der Bank, die jede Lücke sofort schließen.So lief bei der im Abstiegskampf richtungsweisenden 0:1-Heimniederlage des Tabellenvorletzten gegen den Hamburger SV am Sonntag auf Grund von Sperren und Verletzungen wieder einmal eine veränderte Abwehr auf.War beim 1:4-Desaster in Duisburg noch Mittelfeldmann Yasser Radwan als Manndecker überfordert, so sahen diesmal Uwe Ehlers und Olaf Holetschek schlecht aus.Zudem war Abwehr- Chef Hilmar Weilandt nach einer Bänderverletzung noch nicht ganz fit.Prompt unterlief ihm der spielentscheidende Fehlpaß, durch den das Projekt Erstliga-Fußball im Osten scheitern könnte.

Doch der sportliche Niedergang des einzigen ostdeutschen Erstligisten ist nicht an solchen Fehlern allein festzumachen.Denn rotiert wird in Rostock auch in größerem Rahmen."Wir fangen immer wieder bei Null an", sagt Weilandt, der seit 1980 für Hansa spielt.Einst Akpoborie, Barbarez, Beinlich, Bodden, Groth, Hofschneider, Micevski oder Schneider, jetzt Neuville und Rehmer - nach jeder Saison verliert Hansa seine wichtigsten Spieler an besser zahlende Klubs.Auswüchse des Kapitalismus? Nein, für die Mecklenburger ist das nichts Neues.Schon zu DDR-Zeiten wurde der Verein geschröpft.Joachim Streich und Thomas Doll sind nur zwei Spieler, die in Richtung Magdeburg oder Berlin "delegiert" wurden.

Wurde der Kader seinerzeit mit guter Nachwuchsarbeit ergänzt und dadurch sogar der Sprung in die Bundesliga als letzter DDR-Meister geschafft, so mußten die im wirtschaftlich schwachen Mecklenburg ohne solventen Hauptsponsor dastehenden Rostocker nach der Wende auf ihr Geschick bei Spielerkäufen setzen.Eine Zeit lang ging das gut.Der 1994 vom 1.FC Union gekommene Trainer Frank Pagelsdorf nutzte seine Kontakte und lotste mit Hofschneider, Rehmer, Barbarez und Pieckenhagen gleich mehrere Ex-Unioner an die Ostsee, allesamt Verstärkungen.Auch der jetzt geschaßte Ewald Lienen kaufte zunächst erfolgreich ein.Dowe, Majak, Bosz und vor allem Neuville stehen auf der Habenseite."Wir ließen Lienen stets freie Hand", betont Hansas Vorstandschef Eckhardt Rehberg.Doch sein Vize Rainer Jarohs kündigt bereits an, daß in Rostock künftig kein Trainer mehr solche Freiheiten haben wird.

Denn in dieser Saison ging zu viel schief.Die für knapp zwei Millionen Mark aus dem Ausland geholten Agali, Jovic, Bicanic und Milinkovic waren bislang keine Verstärkungen.Auch Holetschek (aus Jena) und Fuchs (aus Leipzig) bewiesen ihre Bundesligatauglichkeit nicht.Selbst der Ex-Bielefelder Breitkreutz hat sich keinen Stammplatz erkämpft.Einzig der Franzose Ramdane zeigte gute Ansätze.Hinzu kam, daß die Mischung aus bodenständigen und zugereisten Spielern nicht mehr stimmt.Zu bunt zusammengewürfelt hatte Lienen seine Truppe, als daß sie noch von den Fans akzeptiert wird.Schon nach einem Gegentor kippt im Ostseestadion die Stimmung."Die Leute im Osten merken sehr schnell, wenn jemand nur an sich selbst statt am Verein interessiert ist", sagt Pagelsdorf.Der vor zwei Jahren zum HSV gewechselte Coach will dies nicht nur auf ausländische Spieler bezogen wissen.Ein Jonathan Akpoborie etwa habe bewiesen, daß auch ein "Exot" zur Identifikationsfigur taugt.Dennoch ist das andernorts gefeierte "Multikulti"-Konzept in Rostock problematisch.Um den ausländischen Spielern entgegenzukommen, hielt der Kosmopolit Lienen das Training mehrsprachig ab - und vertiefte damit den Argwohn der Alteingesessenen.Auch Lienens Assistent und Nachfolger Zachhuber machte aus seinem Unmut kein Hehl.Seine erste Amtshandlung als Chef: Er brummte allen ausländischen Spielern mehr Deutschstunden auf.

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