DFB : Der Streit hat System

Der Konflikt zwischen Sammer und Bierhoff/Löw resultiert aus Eitelkeiten, aber auch aus Strukturfehlern

Stefan Hermanns
Fußball - Sammer und Bierhoff
Wer hat das Sagen? Bierhoff, Sammer.Foto: dpa

Berlin - Eigentlich ist es egal, ob Matthias Sammer gar nichts sagt oder irgendetwas – es wird sowieso immer im Sinne des größtmöglichen Aufruhrs gedeutet. Der größtmögliche Aufruhr ist mit der Nachricht zu erzielen: Matthias Sammer, der Sportdirektor des Deutschen Fußball- Bundes (DFB), will Bundestrainer werden. Das war vor einem Jahr so, als bei der EM der Einzug der Nationalmannschaft ins Viertelfinale ernsthaft in Frage stand und damit auch der Verbleib von Joachim Löw als Bundestrainer. Sammer wusste das und schwieg daher beharrlich. Aber war nicht gerade das ein deutliches Zeichen für seine mühsam unterdrückten Ambitionen auf Löws Job? Genauso wie das, was er vorige Woche der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ gesagt hat? „Ich bin es gewohnt, Verantwortung zu tragen und Verantwortlichkeiten zu schaffen.“ Wenn das kein eindeutiger Versuch ist, sich als Bundestrainer ins Gespräch zu bringen!

Matthias Sammer ist eine Art Schatten- Bundestrainer, und das Paradoxe ist, dass dies offiziell so gewünscht ist. Der Sportdirektor – so heißt es in dessen Jobbeschreibung – soll im Zweifel die Nationalmannschaft betreuen können, wenn dem DFB kurzfristig der Bundestrainer abhanden kommt. Sammer ist daher von Anfang an unterstellt worden, dass er den Posten des Sportdirektors nur als Sprungbrett begreife, um ganz nach oben zu hopsen.

Das ist nur einer von vielen Konstruktionsfehlern beim DFB, die regelmäßig zu Streit führen. Natürlich hängt das auch mit den handelnden Personen zusammen, mit Eifersüchteleien zwischen Sammer auf der einen Seite und Joachim Löw und Oliver Bierhoff auf der anderen. Viel wichtiger aber sind die Schwächen im System: Zuerst waren die Personen da, dann wurde um sie herum eine Struktur gezimmert. Das funktioniert schon deshalb nicht, weil die Kompetenzen zwischen Bundestrainer und Sportdirektor nie eindeutig abgegrenzt worden sind. Und dann gibt es ja auch noch Oliver Bierhoff, der als Manager der Nationalmannschaft irgendwo dazwischen angesiedelt ist, de facto aber auf Löws Seite steht.

Bierhoff war längst im Amt, als Sammer im April 2006 Sportdirektor beim DFB wurde. Dass es den Posten überhaupt gibt, ist auf den damaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann zurückzuführen; dass Sammer ihn besetzt, war nur gegen dessen erbitterten Widerstand durchzusetzen. Wenn es nach Klinsmann gegangen wäre, hätte Bernhard Peters den Job bekommen, der damals die Hockey-Nationalmannschaft trainierte, dem DFB-Establishment als Fachfremder aber nicht vermittelbar war. Klinsmann hat sich daher vom ersten Tag an deutlich von Sammer abgegrenzt. Dessen Kompetenzen endeten schon immer da, wo die Kompetenzen des Bundestrainers angefangen haben, und daran hat sich auch nach dem Wechsel von Klinsmann zu Löw nichts geändert. DFB-Präsident Theo Zwanziger hat im aktuellen Konflikt sogar explizit darauf hingewiesen, dass der Sportdirektor „eine dienende Funktion“ habe.

Was ist das für ein Sportdirektor, der nicht den geringsten Einfluss auf die A-Nationalmannschaft besitzt und nur begrenzten auf die U 21? Im Grunde ist Sammer ein besserer Nachwuchskoordinator. Seine konzeptionelle Arbeit ist durchaus erwünscht – aber nur bis zur U 20; danach entscheiden im Zweifel Löw und Bierhoff. Selbst bei der Trainerausbildung, die eigentlich in sein Ressort fällt, musste Sammer Rücksicht nehmen. Der neue Chefausbilder Frank Wormuth hat nicht nur als Assistent von Löw gearbeitet, beide sind auch seit Jahren befreundet. Offiziell hat Löw Sammer lediglich empfohlen, sich Wormuth doch mal anzuschauen. Inoffiziell heißt es, Sammer habe einen anderen Kandidaten bevorzugt und daher dementsprechend intensiv pro Wormuth bearbeitet werden müssen.

Der DFB besitzt zwei Kraftzentren, die bestenfalls nebeneinanderher arbeiten. Dadurch gibt es immer noch keine einheitliche Philosophie für alle DFB-Mannschaften. Sammers Betonung der guten alten deutschen Tugenden steht nicht im direkten Widerspruch zu Löws Idee vom Fußball; aber der Bundestrainer setzt eindeutig andere Schwerpunkte. Theo Zwanziger hat Löws Vorrang, gerade bei der U 21, jetzt noch einmal deutlich hervorgehoben. Der Bundestrainer müsse spüren, „dass dort in seinem Sinne gearbeitet werde“. Heißt das, dass a) unterhalb der U 21 nicht in seinem Sinne gearbeitet werden muss? Oder dass b) unterhalb der U 21 sowieso nicht in seinem Sinne gearbeitet wird, weil Sammer dafür verantwortlich ist?

Matthias Sammer hat in seinem umstrittenen Interview auf das grundlegende Problem hingewiesen, dass die sportliche Verantwortung beim DFB nicht in einer Hand liege. Das ist unabhängig von seinen persönlichen Ambitionen eine treffende Analyse. Auf Dauer ist das derzeitige Modell nicht praktikabel, doch an der Machtverteilung wird sich so lange nichts ändern, solange die derzeit handelnden Personen im Amt sind. Oliver Bierhoff hat vor kurzem angedeutet, dass er seinen 2010 auslaufenden Vertrag um vier Jahre verlängern wolle. Damit wäre auch eine strategische Vorentscheidung über die weitere Ausrichtung des DFB verbunden. Als Manager der Nationalmannschaft nimmt Bierhoff entscheidenden Einfluss darauf, ob Löw Bundestrainer bleibt oder wer eventuell nach der WM sein Nachfolger wird.

Eigentlich wäre das die originäre Aufgabe eines Sportdirektors.

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