Sport : DFB-Internist Wilfried Kindermann: Der Terminwahnsinn darf so nicht weitergehen

Die medizinische Abteilung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) schlägt einmal mehr Alarm. "Ich predige seit Jahren, dass das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Wir kommen uns zwar vor wie einsame Rufer in der Wüste, aber man kann es nicht oft genug sagen, dass der Terminwahnsinn so nicht weitergehen darf", prangerte DFB-Internist Wilfried Kindermann den durch den Wettkampfstress bedingten Raubbau am Körper der Profis an.

73 Tage vor dem Start der Fußball-Europameisterschaft 2000 in den Niederlanden und Belgien (10. Juni bis 2. Juli) sind viele potenzielle EM-Kandidaten verletzt beziehungsweise angeschlagen. "Ich würde gerne mal dieselbe Mannschaft mehrmals hintereinander spielen lassen. Aber durch die vielen Ausfälle sind mir die Hände gebunden", klagte DFB-Teamchef Erich Ribbeck vor dem Härtest in Zagreb beim Weltmeisterschafts-Dritten Kroatien (Das Spiel war bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht beendet).

Vor dem viertletzten ernsthaften EM-Probelauf hatten mit dem Herthaner Sebastian Deisler (Leistenoperation), Mehmet Scholl (Schulter), Marco Bode (Knie) sowie Markus Babbel und Jens Jeremies (beide muskuläre Probleme) gleich fünf Spieler absagen müssen, von denen bis auf Bode alle für die Anfangsformation vorgesehen waren. Zudem mussten die Bremer Torsten Frings und Frank Baumann, die sich noch Hoffnung auf ein EM-Ticket machen können, ihre Teilnahme am "A2"-Länderspiel gegen Russland absagen. "Daran sieht man, welchen Belastungen die Spieler ausgesetzt sind", sagt Ribbeck, der aber noch keinen Spieler abgeschrieben hat. Deisler hat er, wie der DFB-Teamchef mehrmals betonte, sogar fest in seiner Planung.

"Ich bin trotz aller Probleme optimistisch, weil ich aus den Gesprächen mit den Spielern heraushöre, dass alle bemüht sind, fit in die EM zu gehen. Wir haben zwar keine gute Ausgangsposition, aber auch keine hoffnungslose", meint Kindermann. Der DFB-Orthopäde Josef Schmitt stellt allerdings die Frage: "Wie sollen die Profis bei den vielen Spielen die nötige Wettkampfanspannung aufbauen?"

Für die DFB-"Docs" Kindermann und Schmitt ist der Deutsche Meister Bayer München, als einziger deutscher Klub international noch im Geschäft, zugleich Problemkind und Vorbild. "Die Bayern machen alles richtig. Sie tanzen zwar noch auf drei Hochzeiten, aber die Rotation von Ottmar Hitzfeld ist die einzige Möglichkeit, den Spielern die dringend benötigte Regenerationszeit zu geben", sagt Kindermann, der bei der Tagung der Bundesliga-Trainer im Januar dringend das Rotations-System empfohlen hatte. Aber kann Bayer Leverkusen im Titelrennen freiwillig auf Torjäger Ulf Kirsten oder Abwehrchef Jens Nowotny, Pokalfinalist Werder Bremen im Kampf um einen Platz für die Champions-League-Qualifikation auf Bode verzichten?

Hitzfeld erfüllte dagegen den Wunsch von Torwart Oliver Kahn nach einer Pause. Das Resultat: Eine 0:2-Niederlage beim VfB Stuttgart. "Man muss in Kauf nehmen, dass man deshalb ein Spiel verliert", so der FCB-Coach. Kahn selbst meinte nach seinem Kurzurlaub ironisch: "Die paar freien Tage haben gut getan. Jetzt bin ich wieder fit für die nächsten 70 Spiele in den kommenden vier Wochen."

Schmitt und Kindermann hoffen, dass sich einige von Ribbecks "müden Kriegern" auf der Sonneninsel Mallorca physisch und psychisch die nötige Europameisterschafts-Frische holen - beim Trainingslager vom 27. Mai bis 2. Juni. "Das Klima wirkt sich sicherlich positiv aus", glaubt Kindermann. Und noch eines hält der Professor vor allem bei den Spielern des FC Bayern für unglaublich wichtig: "Die Spieler müssen mit einem Erfolgserlebnis anreisen, das setzt Kräfte frei und verdrängt die Schmerzen. Vor der Europameisterschaft 1996 reisten die Bayern als Uefa-Cup-Sieger an und die Dortmunder kamen als Deutscher Meister." Deutschland wurde bekanntlich Europameister.

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