DFB-Pokal : Das ultimative Spiel

Niemand mag es aussprechen, aber alle wissen es: Sollte Hertha auch im Pokal beim TSV 1860 scheitern, wird es eng für Trainer Favre.

Michael Rosentritt
Hertha BSC Berlin - SC Freiburg
Brüllen reicht nicht. Hertha-Trainer Favre braucht Siege.Foto: dpa

BerlinEs gibt Dienstreisen, die tritt man mit gemischten Gefühlen an. Der Ausflug von Hertha BSC nach München zählt dazu. Anlass der Reise ist das Zweitrundenspiel im deutschen Vereinspokal beim Zweitligisten TSV 1860, welches am Mittwochabend in München (19 Uhr, live auf Sky) angepfiffen wird. Doch der Anlass allein ist auch schon das eigentliche Problem. Jedes weitere Spiel mehr, das der Fußball-Bundesligist verliert, verstärkt deren Zerfallserscheinungen. Und momentan spricht nicht viel dafür, dass Hertha ein Fußballspiel gewinnen kann, und sei es eins bei einem unterklassigen Verein wie 1860.

Hertha ist schwer angeschlagen. Fünf Niederlagen in Folge in der Liga haben den Verein in die tiefste Verfassungskrise seit Jahren geführt. Inzwischen ist nicht mal mehr ausgeschlossen, dass Trainer Lucien Favre demnächst seinen Job verliert. Das bestreitet Manager Michael Preetz zwar offiziell, doch gedanklich sind die schlimmsten Szenarien durchgespielt. Sollte Favre in den nächsten zwei Wochen nicht eine Trendwende gelingen, muss er wohl gehen. Insofern gewinnt ein vergleichsweise harmloses Pokalspiel eine besondere, ja geradezu ultimative Bedeutung. Sollte auch dieses Spiel verloren gehen, blieben Favre und der Mannschaft maximal das Bundesligaauswärtsspiel am Sonntag in Hoffenheim, das Europa-League-Spiel in Lissabon (1. Oktober) oder das Liga-Heimspiel gegen den Hamburger SV (4. Oktober). Anschließend geht der Bundesligabetrieb in eine Länderspielpause, für Hertha wäre es notfalls die letzte Möglichkeit für einen Wechsel auf der Position des Trainers.

„Jedes einzelne Spiel ist eine Chance, die Wende herbeizuführen. Wir müssen uns in diese Saison zurückarbeiten“, sagt Preetz vor Beginn der anstehenden Trainer-Ausscheidungsspiele.

Der Klub hat durchaus Erfahrungen mit Spielen diesen Charakters. Beispielsweise vor sechs Jahren. Bei Hertha lief es im Herbst 2003 genauso schief wie jetzt. Der Klub, mit gewaltigen Erwartungen in die neue Saison gestartet, fand sich nach einem 1:4 gegen Leverkusen am Tabellenende wieder. Hertha war Letzter, ohne Sieg in neun Spielen. Trainer Huub Stevens erhielt von der Vereinsführung um Manager Dieter Hoeneß eine Frist von zwei Spielen, die er beide gewinnen musste. Die einen nannten es ein Ultimatum, Hoeneß sprach von einer Vereinbarung. Man einigte sich auf die Sprachregelung: ultimative Vereinbarung.

Hertha trat nacheinander beim FC Hansa in Rostock an – erst in der Liga, drei Tage später im DFB-Pokal. Das erste Spiel am 25. Oktober gewann Hertha mit 1:0. Drei Tage später stand es im Pokal nach 119 Minuten 2:1 für Hansa – ehe Nando Raffael ausglich und Hertha ins Elfmeterschießen rettete. Dieses gewannen die Berliner schließlich. Es war ein dramatischer Abend, an dessen Ende die Berliner einen Trainer sahen, den sie so nicht kannten: Huub Stevens, der „Knurrer aus Kerkrade“, weinte vor Erleichterung. Der Niederländer blieb Trainer. Allerdings nur bis zum 3. Dezember, bis Hertha zum zweiten Mal gegen Werder Bremen zu spielen hatte und zum zweiten Mal unterging. Beim zweiten Mal mit 1:6 im Pokal-Achtelfinale. Am Tag darauf trennen sich die Berliner von Stevens. Traurig, aber ohne Tränen.

„Ich mache meinen Job, ich arbeite Tag und Nacht“, hat Lucien Favre vor der Abreise nach München erzählt. Er kenne aber die Gesetze der Branche, jetzt helfe nur noch der rasche Erfolg. Der 51-jährige Schweizer, der in seiner Laufbahn noch nie entlassen wurde, wirkt angeschlagen. Trotzig sagt er: „Wir können das schaffen.“ Doch Zweifel bleiben. Der Trainer erhielt kurzfristig noch einmal Rückendeckung vom Manager. „Wir führen keine Trainerdiskussion“, sagt Michael Preetz. Welche Halbwertzeit solche Aussagen im Profifußball besitzen, ist hinlänglich bekannt.

Vielleicht sollte es Hertha wie Pal Dardai nehmen. Der ungarische Mittelfeldspieler spielt seit 13 Jahren in Berlin und hat von der Zweiten Liga bis zur Champions League schon so ziemlich alles erlebt, was Hertha zu bieten hatte. Dardai behauptet, er freue sich ungemein auf das Spiel bei 1860 München. „Das ist ein K.-o.-Spiel. Wir können am Ende was in der Hand haben“, sagt der Mittelfeldspieler und meint damit das Weiterkommen. Die andere Möglichkeit blendet er erst einmal aus.

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