Sport : DFB-POKAL-HALBFINALE ZWISCHEN COTTBUS UND KARLSRUHE: Das Tal der Tränen verlassen

MARKUS HESSELMANN

Energie spielt für den ganzen gebeutelten Fußball-Osten, der KSC nur um seinen RufVON MARKUS HESSELMANN BERLIN.Egal wo die Spieler des FC Energie Cottbus in letzter Zeit auch antraten, stets wurde ihnen viel Glück für ihr DFB-Pokalhalbfinalspiel gegen den Karlsruher SC (heute 20.30 Uhr, live in der ARD) gewünscht.In Einheit fest stehen die sonstigen Gegner in der Regionalliga Nordost hinter ihrem Meister in spe, von dessen Erfolg sie sich eine Aufwertung ihrer ganzen Liga versprechen.Mehr Bedeutung noch, als das Endspiel der Hertha-Bubis gegen Leverkusen vor vier Jahren hätte ein Finaleinzug der Cottbuser für das angeschlagene Selbstwertgefühl des Fußballs im Osten der Republik.Tenor: Seht her, wir werden zu Unrecht klein gehalten, etwa wenn unser Meister noch Relegationssspiele zur Zweiten Bundesliga bestreiten muß, während aus dem Süden zwei Teams direkt aufsteigen. Energie-Trainer Eduard Geyer geht sogar noch weiter: "Dieser Sprung ins Halbfinale steigert das Selbstwertgefühl der Menschen hier.Für Stunden werden sie ihre sozialen Probleme verdrängen." Und der (in Berlin ansässige) Energie-Präsident Dieter Krein will verfolgt haben, "daß hier in der Lausitz ein Verein gewachsen ist, der das Tal der Tränen hinter sich gelassen hat".Anwürfe gegen ihn selbst, er habe als Abteilungsleiter des Energie-Unternehmens Veag bei der Auftragsvergabe Firmen bevorzugt, die als Gegenleistung für den FC Energie spenden, kontert Krein denn auch souverän per Verschwörungstheorie: "Es gibt offenbar Kräfte, die uns den Erfolg als ostdeutsches Team nicht gönnen." Kein Wunder, daß die (im Westen verlegte) Ost-Postille "Super Illu" angesichts solch geballter Ladung Ost-Identität flugs auf den Energie-Zug aufsprang und für 150 000 Mark als Trikotsponsor für einen Tag aktiv wurde."Wir verstehen uns als Zeitschrift für Ostdeutschland und haben natürlich auch den Weg der Cottbuser Kicker verfolgt.Daher lag es nahe, daß wir die sympathische Mannschaft bei so einem Schlagerspiel unterstützen", salbadert Chefredakteur Jochen Wolff in schönstem Werbesprech.Da bliebe der Mannschaft ja nun nichts mehr anderes übrig, als den Pott nach Cottbus zu holen, meint Kapitän Jens Melzig, der einzige Spieler bei Energie mit Bundesliga-Erfahrung (in Dresden und Leverkusen). Weit weniger Last trägt der KSC auf seinen Schultern.Für die Badener steht nicht so sehr das Schicksal einer ganzen Region als der sportliche Ruf auf dem Spiel.Denn eine Niederlage beim Regionalligisten wäre natürlich eine Riesen-Blamage für den UEFA-Cup-Anwärter.Eher persönliche Vorsätze verbindet KSC-Verteidiger Dirk Schuster mit der Partie: "Ich will endlich in Cottbus gewinnen", sagt der viermalige DDR-Nationalspieler, der das Stadion der Freundschaft aus seiner Zeit beim 1.FC Magdeburg in schlechter Erinnerung hat.Erfolgreicher war sein jetziger Abwehr-Nebenmann Burkhard Reich, der zu Oberliga-Zeiten mit dem BFC Dynamo zwei Siege und ein Remis in Cottbus feiern konnte, "wenn auch mit Hilfe sogenannter Unparteiischer", wie Energie-Sprecher Thomas Grube noch heute betont. Ohne Schiedsrichter-Hilfe kam die nun 52 Pflichtspiele währende Siegesserie der Cottbuser zustande, zu deren "Opfern" in den letzten Pokalrunden auch die Bundesligisten MSV Duisburg und FC St.Pauli gehörten.Doch KSC-Stürmer Sean Dundee zeigt sich davon wenig beeindruckt: "Wir haben Respekt vor dem Gegner, Angst haben wir nicht", so sein Allerwelts-Kommentar zum ostdeutschen "Spiel des Jahres".Umgekehrt bestätigt Geyer dasselbe Gefühl für sein Team: "Angst zeigen wäre ja auch das Schlimmste, was uns passieren kann." In diesem Sinne macht sich der neben Toralf Konetzke beste Cottbuser Torschütze, Detlef Irrgang, Mut: "Die kochen auch nur mit Wasser." Fehlte nur noch das Wort von den Pokalspielen und ihren eigenen Gesetzen.

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