Sport : DFB-Pokal: Kuhhandel in den Zeiten des Rinderwahns

Karsten Doneck

Hummel blickt finster drein. Und das liegt nicht etwa daran, dass es an diesem Tag draußen in Köpenick hundsgemein kalt ist oder ihm das Bier aus der Halbliterdose nicht schmeckt. Nein, Hummel hat Kummer. "Ich habe alles versucht", sagt Hummel zu den Umherstehenden, "sogar die Zweite Hand habe ich mir gekauft und dort nachgeguckt. Nichts zu machen. Nichts, absolut nichts." Bedauerndes Nicken ringsum.

Der rot-weiße Schal weist Hummel als Fan des Fußball-Regionalligisten 1. FC Union aus. Und als solcher durchlebt er derzeit eine kurze, heftige Leidensphase. Nicht, weil seine Mannschaft am vorigen Dienstag im Testspiel auf einem zugigen Nebenplatz der Alten Försterei beim 3:3 gegen die Amateure von Hertha BSC wenig Erwärmendes vorführte. Das ist zu verschmerzen. Hummel, so lautet der von den Freunden benutzte Spitzname des Fans (und sein richtiger Name tut auch gar nichts zur Sache), geht es wie 30 000 Anderen: Er hat keine der 18 100 Eintrittskarten mehr ergattern können für das Spiel von Union im Halbfinale des DFB-Pokals am Dienstag gegen Borussia Mönchengladbach. Das stimmt ihn traurig. Und geteiltes Leid ist für ihn in diesem Fall kein halbes Leid.

"Wir hätten für dieses Spiel", sagt Unions Manager Oskar Kosche, "an die 50 000 Karten verkaufen können." Zehn Honorarkräfte musste Union zusätzlich für das Pokalspiel einstellen. Als rund 8000 Eintrittskarten in den freien Verkauf kamen, waren nach vier Stunden alle vergriffen. In der Hämmerlingstraße, dem Sitz der Geschäftsstelle, lebte noch mal ganz kurz eine alte, unliebsame Gewohnheit aus dem DDR-Alltag auf: Lange Warteschlangen bildeten sich für ein rares Gut.

Als längst alle Billetts weg waren, fiel manchen Leuten auch noch ein, dass da in der Wuhlheide in Kürze ein keineswegs unbedeutendes Fußballspiel stattfindet, dessen Besuch sich lohnen könnte. Einer wurde daraufhin bei Union vorstellig und wollte sich gleich in die Bandenwerbung einkaufen. Im Gegenzug verlangte er aber für sich und seine Geschäftsfreunde zehn Eintrittskarten. "Der hat", wunderte sich Kosche, "gar nicht mehr nachgefragt, was denn so eine Werbebande bei uns kostet." Union ließ sich auf solchen Kuhhandel, gerade in Zeiten des Rinderwahns, nicht ein. Der Mann zog unverrichteter Dinge von dannen.

Aber das DFB-Pokalspiel macht auch deutlich: Union, der volksnahe Klub, ist nicht mehr nur volksnah. Er ist plötzlich auch interessant für die, die über die Eintrittsgelder hinaus finanzielle Mittel beisteuern können, damit der Klub nicht nur wie am Dienstag am großen Fußball schnuppern darf, sondern sich irgendwann dauerhaft im Profigeschäft etabliert. Besonderer Besuch erfordert besondere Maßnahmen. "Wir haben", sagt Unions Präsident Heiner Bertram, "für das Spiel gegen Gladbach die Größe unseres VIP-Zeltes im Stadion verdreifachen müssen."

Manager Kosche muss schon eine geraume Weile überlegen, wann im Stadion an der Alten Försterei überhaupt zum letzten Mal das Schild "Ausverkauft" rausgehängt werden musste. "Das war", erinnert er sich, "1984 gegen Chemie Leipzig." Union musste gegen die Sachsen zwei Entscheidungsspiele austragen um den Verbleib in der DDR-Oberliga. Daheim gab es am 23. Mai 1984 ein 1:1, das Rückspiel in Leipzig ging 1:2 verloren. Damals wurden 22 500 Zuschauer in das Stadion hineingelassen. "Die standen bis fast auf das Spielfeld", sagt Kosche. Heiner Bertram relativiert das jetzt ausgebrochene Pokalfieber ein wenig. "Der Pokal ist für uns ein Event", sagt der Präsident. "Unsere Konzentration gilt der Regionalliga."

Sollte Union dort den Aufstieg schaffen, wird auch Hummel wieder lachen können.

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