Sport : DFB-Pokal: Sechs Monate kein Bier getrunken

Robert Ide

Es war ein großer Tag für den DDR-Fußball, dieser 19. Oktober 1977. In der zweiten Runde des Uefa-Cups fertigte der 1. FC Magdeburg den FC Schalke 04 mit 4:2 ab. 35 000 Zuschauer im ausverkauften Ernst-Grube-Stadion feierten die Mannschaft um den dreifachen Torschützen Jürgen Sparwasser, die ostdeutsche Presse war begeistert. Der Tabellen-Zweite der DDR-Oberliga hatte den Zweiten der Bundesliga in die Knie gezwungen - und selbst der Tagesspiegel staunte am nächsten Tag über das "imponierende Spiel" der Gastgeber. Für einen ostdeutschen Zuschauer war dieses Spiel jedoch der "blanke Horror". Wolfgang Brauer, Industriearbeiter aus Wittenberg und Schalke-Fan, stand im Zuschauerblock M 2 zwischen den Magdeburger Anhängern und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Das erste Mal hatte er seinen Lieblingsverein live erleben können. Doch seine Schalker versagten, ausgerechnet gegen einen Ost-Verein. Auch im Rückspiel im ausverkauften Parkstadion hatten die Magdeburger mit 3:1 die Nase vorn.

Am Mittwoch gibt es eine Neuauflage des besonderen Duells, wenn Magdeburg die Schalker zum Viertelfinale im DFB-Pokal empfängt. Wieder wird das Grube-Stadion ausverkauft sein, und wieder wird der Außenseiter - Magdeburg ist Viertligist, Schalke Tabellenführer der Bundesliga - für eine Überraschung sorgen wollen. Einer hofft jedoch auf eine späte Revanche: Wolfgang Brauer.

Oft kramt er die alte, graue Eintrittskarte von damals hervor. Nur unter großen Mühen ergatterte er das begehrte Ticket. Wochenlang hatte er Verwandte in Magdeburg angefleht, ihm eine Karte zu besorgen. Am Ende drohte er ihnen gar mit dem Ende der Freundschaft. Genützt hatte es nichts. Das frei verfügbare Kontingent war eng begrenzt, denn 7000 Plätze wurden von Sicherheitskräften besetzt. Allein die Stasi hatte fast 5000 Tickets geordert, für einen Gesamtpreis von 27 300 Mark 95. Durch eine Bekannte kam Brauer schließlich doch noch an eine Karte mit dem roten Aufdruck: "Rentner/Student, 2 Mark 60, Stehplatz."

Für Wolfgang Brauer war das kleine Papier die Erfüllung eines Traums. Schon mit elf Jahren las er in einem West-Magazin von einem Spielsystem namens "Schalker Kreisel". "Ich dachte da zuerst an Zirkus", erzählt der 51-Jährige rückblickend. Als Brauer dann herausfand, dass die Schalker in den dreißiger Jahren unter diesem Motto Ball und Gegner über den Platz jagten, wurde er zum Fan. "Das waren einfache Arbeiter, die in ihrer Freizeit wunderschönen Fußball gespielt haben", schwärmt Brauer noch heute von den einstigen Spielern. Doch der Arbeiter- und Bauernstaat hatte mit dem kickenden Proletariat aus dem Ruhrgebiet nichts am Hut. Als Brauer bei einem Handball-Turnier seiner Schule mit einem selbstbemalten Schalke-Trikot auflief, sprach ihm der Direktor einen Verweis aus. Wegen "unsportlichen Verhaltens".

Brauer ließ sich nicht beirren, auch wenn die Staatsmacht alles versuchte, ihm seine Leidenschaft auszutreiben. Vor einem Schalker Gastspiel in Bukarest bekam Brauer ein Ausreiseverbot aufgebrummt. Die Briefe, die er regelmäßig an seinen Lieblingsverein adressierte, wurden von der Stasi überwacht. 1974 kam die erste Antwort aus Gelsenkirchen. Brauers Frau rief ihn im Betrieb an, er warf seine Arbeit hin und radelte nach Hause. Seitdem nannten ihn die Kollegen nur noch "Schalke".

Noch heute schreibt Brauer regelmäßig an Schalkes Zeugwart, Hans-Jürgen Simon, und bittet um Fanartikel. Schon zu DDR-Zeiten tauschten beide Schalke-Autogrammkarten gegen Sonderbriefmarken der DDR-Post. Mit dem Umbruch waren all diese Umstände vorbei. Brauer gründete 1991 einen Fanklub in Wittenberg, nach der Maueröffnung fuhr er mit seinem Trabant regelmäßig ins Parkstadion. "23 Mal war ich schon da", berichtet er stolz, "davon haben wir noch kein Spiel verloren."

Nun will Brauer am Mittwoch wieder den Glücksbringer spielen. "Noch eine Niederlage in Magdeburg vertrage ich nicht", sagt er. Mit Grauen erinnert er sich noch an die Niederlage von 1977. In seinem Betrieb wurde er wochenlang verspottet, mit seiner Frau gab es noch am gleichen Abend den ersten Ehekrach. Brauer war nach dem Spiel nach Hause gekommen und hatte nur geschimpft. Das Schlimmste für den Wittenberger Schalke-Fan war jedoch, dass er mit Freunden gewettet hatte, dass sich Schalke gegen Magdeburg durchsetzen würde. Sein Einsatz: sechs Monate ohne Alkohol. Für den Fall, dass seine Lieblinge wieder verlieren sollten, hat sich Brauer schon eine passende Strafe ausgedacht: "Dann kriegen die alle ein halbes Jahr lang kein Bier."

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