Sport : DFB-Pokal: Spagat zwischen Kurzpass und Grätsche

Jürgen Roos

Andere Zeiten, andere Sätze. Vor einem Jahr noch, als der SSV Reutlingen zu seinem Durchmarsch durch die Fußball-Regionalliga Süd ansetzte, pflegte der Trainer Armin Veh seinen Spielern zu predigen: "Ein guter Fußballer grätscht nicht." Klingt prima und kommt bei Freunden des gepflegten Kurzpass-Spiels bestens an. Vehs Kicker hatten die Botschaft wohl verstanden, gewannen 28 von 34 Spielen und erzielten 102 Tore: Aufstieg. In der Zweiten Bundesliga sieht die Sache allerdings anders aus: Bei Alemannia Aachen wurden die Reutlinger letzten Sonnabend kurzerhand mit 4:1 abserviert, und der SSV-Trainer benutzte plötzlich einen Standardsatz. "Wir müssen lernen, härter in die Zweikämpfe zu gehen", sagte Veh und machte dabei den Eindruck, als hielte er die Grätsche plötzlich für mehr als nur eine gymnastische Übung.

Der Aufsteiger im Lernprozess. Kein Zweikampf charakterisierte die Unterschiede zwischen Regionalliga und Zweiter Liga so gut wie die Auseinandersetzung zwischen Reutlingens Spielmacher Ralf Becker und Aachens Willi Landgraf. Nach einem harmlosen Foul an Kämpfer Landgraf sah Künstler Becker ziemlich unberechtigt die Gelb-Rote Karte und verstand die Welt nicht mehr. "Nur spielerisch reicht hier in Aachen nicht", schickte Landgraf hinterher und war sich gar nicht bewusst, wie er die Reutlinger mit diesem Satz traf. Schönspielerei, hieß das nämlich, führt in der Zweiten Liga zur Höchststrafe, dem sofortigen Abstieg. Dabei hält sich in der schwäbischen Kleinstadt nahe Stuttgart, in der einst pro Einwohnerzahl die meisten Millionäre Deutschlands wohnten, doch noch hartnäckig die Euphorie des unglaublichen Aufstiegs.

"Wer oder was ist Reutlingen?", wollte der Zeugwart von St. Pauli vor kurzem provozierend wissen. Hier die Antwort: Der frühere Gladbacher Profi Armin Veh führte das Team der Namenlosen straff in die Zweite Liga. Mittelfeldspieler Becker dirigierte auf dem Platz, unterstützt von Defensivmann Godfried Aduobe aus Ghana, der deshalb auch bei den Spähern der Hertha in den Notizblöcken steht. Und der Kameruner Olivier Djappa blühte mit seinen 36 Toren zu einer Art Wunderstürmer auf. Gestern gab es allerdings viel Wirbel um ihn. Da wurde bekannt, dass ihm die Polizei nach einer Anzeige einen Besuch abstattete, weil er angeblich einen abgelehnten Asylbewerber bei sich beherbergte. Gefunden wurde nichts, was Djappa belastete.

Der SSV Reutlingen hat selbst für die Zweite Liga keine Stars verpflichtet. Teil eines Konzepts, das "schwäbisch" genannt werden darf und für das der Präsident Dieter Winko steht. Nur so viel Vergnügen, wie man sich leisten kann. Und um Gottes Willen keine finanziellen Abenteuer. Mit neun Millionen Mark Etat gehört der SSV Reutlingen zu den Sparklubs der Zweiten Bundesliga. Da ist es fast ein wenig paradox, dass die Reutlinger in den ersten beiden Spielen der Zweiten Liga mit der offensivsten Taktik ans Werk gingen. Selbst im Hexenkessel Tivoli bot Trainer Veh drei Stürmer auf. Auch gegen Hertha wird auf Offensive gesetzt.

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