DFB-Pokalfinale : "Da gab es einige Streitereien"

Er spielte bei Werder und beim FC Bayern: Andreas Herzog über das emotionale Finale 1999, Thomas Schaafs ersten Titel, Frank Rost als Elfmeterschützen und einen bösen Spruch gegen Stefan Effenberg.

Andreas Herzog, 41, gewann 1994 und 1999 mit Bremen den DFB-Pokal; mit den Bayern wurde er 1996 Uefa-Cup-Sieger. Foto: dpa
Andreas Herzog, 41, gewann 1994 und 1999 mit Bremen den DFB-Pokal; mit den Bayern wurde er 1996 Uefa-Cup-Sieger.Foto: dpa

Herr Herzog, Werder Bremen trifft im Pokalfinale auf Bayern München. Werden Sie als Zuschauer im Olympiastadion sein?

Ich wäre gerne gekommen, aber das geht leider nicht. Ich trainiere inzwischen die U 21 Österreichs, und wir haben am Dienstag ein Länderspiel gegen Wales.

Sie haben für beide Mannschaften gespielt. Wem gelten Ihre Sympathien?

Das kann man ja nicht vergleichen. Bei den Bayern habe ich nur eine Saison gespielt. Das war damals schon eine Mannschaft mit lauter Topstars. In Bremen ging es familiärer zu, deshalb habe ich mich da auch viel wohler gefühlt. Meister sind die Bayern ja schon, die Champions League können sie noch gewinnen – insofern könnten sie den Pokal eigentlich den Bremern lassen.

Was erwarten Sie von dem Finale?

Die Bayern sind schon die bessere Mannschaft. Sie sind die beste in Deutschland. Aber Werder Bremen zählt zu den wenigen Gegnern, die den Bayern auch spielerisch Paroli bieten können, die sich nicht nur hinten verschanzen.

1999 waren die Bayern auch klarer Favorit.

War das das Finale, das wir im Elfmeterschießen gewonnen haben?

Genau.

Ja, das war ein Riesenerlebnis. Wir haben damals einen Weg gefunden, den Goliath aus der Ruhe zu bringen. Wir haben uns nicht einschüchtern und uns nichts gefallen lassen. Aber du kannst die Bayern auch nicht jedes Jahr schlagen. Im Jahr darauf sind wir wieder im Pokalfinale auf sie getroffen und haben 0:3 verloren. Wir sind ganz anders aufgetreten als 1999. Warum das so war, weiß ich nicht mehr.

Der Pokalsieg 1999 war der erste Titel für Thomas Schaaf als Trainer. Hätten Sie ihm eine solche Karriere zugetraut?

Auf jeden Fall, er besitzt einen großen Fachverstand, lässt seine Mannschaft offensiv spielen und kann in Bremen in Ruhe arbeiten. Außerdem hatte er das Glück, dass er nicht direkt auf Otto Rehhagel gefolgt ist. Da haben sich erst ein paar andere Trainer verbrannt.

Was hat Schaaf damals richtig gemacht?

Thomas war erst seit vier Wochen Trainer. Er hatte Felix Magath abgelöst, der sehr hart mit uns trainiert hatte. Bei ihm mussten wir immer ans Limit gehen. Wir waren dann einfach leer im Kopf. Thomas hat die richtige Dosierung gefunden. Er hat aus uns das rausgeholt, was Magath mit seinem Training angelegt hatte. Dass Thomas Schaaf schon nach vier Spielen als Trainer seinen ersten Titel geholt hat – das ist natürlich ein Wahnsinn.

Erinnern Sie sich an den Spruch: „Der Pfau, der Superpfau, der Herr Effenberg. Da stolziert er über den Platz, und dann verschießt er. Es gibt doch noch einen Fußballgott“?

Der ist von mir, aber den hätte ich mir sparen sollen.

Sie mochten Effenberg nicht?

Nein, nein. Ich habe überhaupt kein Problem mit Stefan Effenberg. Wir arbeiten gelegentlich als TV-Experten zusammen und verstehen uns sehr gut. Der Spruch ist mir im Eifer des Gefechts rausgerutscht. Werder war ja damals nicht unbedingt eine Übermannschaft. Im Gegenteil: Wir waren nur knapp dem Abstieg entkommen. Die Bayern besaßen ein ganz anderes Standing. Das haben sie auch ausgespielt. Sie haben versucht, den Schiedsrichter in ihrem Sinne zu beeinflussen. Da gab es dann einige Streitereien am Spielfeldrand.

Umso größer war dann Ihre Genugtuung, den großen Favoriten besiegt zu haben.

Ja, aber der Spruch war wirklich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Er ist lange nach der Siegesfeier im Stadion gefallen. Wir waren auf dem Weg vom Feld in die Kabine, kamen die Treppe von der Laufbahn runter, und da war kein Mensch. Nur eine Kamera, aber kein Kameramann mehr. Da habe ich das dann zu meinem Mitspielern gesagt: dass es doch noch einen Fußballgott gibt. Woher sollte ich wissen, dass die Kamera noch läuft?

Effenberg hätte die Bayern mit seinem Elfmeter zum Pokalsieger machen können – und hat dann verschossen.

Den entscheidenden Elfmeter hat dann Lothar Matthäus vergeben. Das war ja das Außergewöhnliche. Die Bayern führen im Elfmeterschießen, und dann treten auch noch ihre beiden absoluten Topspieler an. Wenn da ein Junger anläuft, hoffst du noch, dass der das Nervenflattern bekommt. Aber Effenberg und Matthäus. Die sind so routiniert, so cool. Oje, haben wir gedacht, jetzt ist es vorbei.

Zwischen den beiden Fehlschüssen traf Frank Rost zum 5:4 für Werder. Hatten Sie keine Bedenken, als Ihr Torhüter anlief?

Überhaupt nicht. Der Frank war so voll Adrenalin, dass er den Oliver Kahn im Zweifel mit ins Tor geschossen hätte. Wobei ich gar nicht mehr sagen kann, ob er den Ball nicht vielleicht doch ins Eck geschlenzt hat. Frank ist seit mehr als zehn Jahren einer der Toptorhüter in Deutschland, aber er hätte auch einen guten Mittelstürmer abgegeben. Wenn wir nach dem Training Flanken und Torabschlüsse geübt haben, hat er sich manchmal in die Mitte gestellt. Fallrückzieher, Seitfallzieher, Kopfbälle – das konnte er alles. Frank ist eben ein Bewegungstalent.

Sie saßen beim Elfmeterschießen schon auf der Bank, weil Sie sich kurz vor der Pause verletzt hatten.

Ich war mit Thomas Linke zusammengekracht und hatte einen Riesenbluterguss am Oberschenkel. Später wurde das sogenannte Kompartmentsyndrom festgestellt. Die Ehrenrunde im Stadion habe ich noch mitgemacht. In der Nacht, bei der Siegesfeier, wurde das Knie dann aber ganz dick, und mir ist richtig schlecht geworden. Als die Mannschaft am nächsten Tag in Bremen am Rathaus gefeiert wurde, lag ich schon im Krankenhaus. Zwei oder drei Tage haben die mich dabehalten. Am Wochenende darauf habe ich in Österreich geheiratet. Auf Krücken. Schon deshalb werde ich dieses Pokalfinale ganz sicher nie vergessen.

Das Gespräch führte Stefan Hermanns.

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