DFB-Pokalfinale : "Wenn alles stimmt, schlagen wir sie“

Der erste große Titel der Fußballsaison wird heute im Olympiastadion vergeben. Der Dortmunder Christian Wörns über das Pokalfinale, Jürgen Klinsmann und das Ende eines Mythos.

Woerns
Christian Wörns -Foto: ddp

Herr Wörns, wir nehmen mal an, dass Sie Sonntagnacht schlecht geschlafen haben?

Das dürfen Sie. Mir war früh klar, dass uns dieses 0:5 in München lange verfolgen wird. Unser Spiel war von vorne bis hinten eine einzige Katastrophe.

Heute haben Sie die Chance, das Verfolgtwerden zu beenden. Sie müssen mit Dortmund nur Pokalsieger werden.

Stimmt, die Schmach von München ließe sich so reparieren. Aber das hört sich leichter an, als es ist. München ist stark.

Vielleicht war das Bundesligaspiel in München ja auch nur ein großes Täuschungsmanöver des BVB …

Sie sind der Erste, dem das aufgefallen ist! Das war ja alles nur, um die Bayern in Sicherheit zu wiegen. Nein, das war es natürlich nicht – wie jetzt auch unser Spiel gegen Hannover gezeigt hat. Der Pokal ist für uns natürlich ein Highlight, aber wir dürfen auch nicht die Bundesliga aus den Augen verlieren – auch wenn uns das momentan konsequent danebengeht.

Gibt es trotzdem eine gute Seite des Debakels von München?

Gut daran ist vielleicht nur das Wissen, dass so etwas nicht so schnell ein zweites Mal passiert. Ich gehe fest davon aus, dass wir uns in Berlin ganz anders präsentieren. Ich glaube, davon gehen auch die Bayern aus.

Warum wird Dortmund Pokalsieger?

Das werde ich Ihnen sagen: Weil wir an guten Tagen in der Lage sind, jede Mannschaft zu schlagen. Zwar hört sich das nach unserer durchwachsenen Saison gewagt an, besonders nach den Auftritten in München und gegen Hannover. Aber so ist es. Wir sind nicht Favorit in Berlin, und vermutlich verlieren wir von zehn Spielen gegen die Bayern momentan acht oder neun. Aber wenn wir diesen einen Tag erwischen, an dem bei uns alles stimmt, dann schlagen wir sie.

Wissen Sie eigentlich, wann der BVB das letzte Mal den FC Bayern geschlagen hat?

Und ob. Das war gleich zum Auftakt der Rückrunde in der vergangenen Saison. Wir gewannen damals in Dortmund mit 3:2, wobei Alexander Frei ein Doppelpack gelungen war. Kurioserweise war es der einzige Sieg unter Jürgen Röber. Danach ging es mit uns steil bergab.

Haben Sie schon mal daran gedacht, dass das Finale Ihr letzter großer Auftritt sein wird?

Kann schon sein. Im Sommer läuft mein Vertrag bei der Borussia aus. Aber ehrlich gesagt fühle ich mich noch zu fit, um mit dem Fußball aufzuhören.

Bei allem Respekt, aber Sie werden im Mai 36! Wie lange wollen Sie sich das noch antun?

Gute Frage. Darüber denke ich mit meiner Familie in letzter Zeit auch öfter nach. Im Grunde genommen möchte ich mir die Entscheidung noch etwas offen lassen. Ich will sehen, wie die restlichen Bundesligaspiele verlaufen, und dann abwägen, was zu welchen Bedingungen Sinn macht. Es gibt zwar schon ein paar Anfragen von anderen Vereinen, aber erst möchte ich mit Borussia reden.

Was sagt Ihr Körper dazu?

Ich kann Sie beruhigen: Ich höre auf ihn. Jeder Leistungssportler hört sensibel in sich hinein, der Körper ist sein Kapital. Und unabhängig davon: Fragen Sie mal rum, ich glaube es fällt vielen schwer, davon loszulassen, was 20 Jahre lang ihr Job war.

Haben Sie nicht Angst, dass Ihnen die Entscheidung abgenommen wird, so wie im Frühjahr 2006, als Jürgen Klinsmann Ihre Nationalmannschaftskarriere beendete?

Sie sprechen eine heikle Phase an. Richtig ist, dass ich entscheide, wann ich mit dem Fußball aufhöre. Die Sache mit dem Herrn Klinsmann habe ich lange verdaut.

Haben Sie sich mit ihm ausgesprochen?

Nein, aber ich muss fairerweise sagen, dass er mich ein, zwei Monate nach unserem Disput treffen wollte zu einem Gespräch. Das war rund um das Länderspiel gegen die USA in Dortmund. Ich habe es damals kategorisch abgelehnt. Ich war sauer darüber, wie ich ausgebootet wurde, obwohl ich einer der wenigen deutschen Innenverteidiger war, der Stammspieler in seinem Verein war. Noch heute glaube ich, dass ich mit meiner Kritik in der Sache richtig lag, aber ich hätte das Gesprächsangebot annehmen sollen.

Es könnte ja sein, dass Sie die Rückkehr Klinsmanns in die Bundesliga animiert, noch ein Jährchen dranzuhängen?

Die Entscheidung, die ich in den nächsten Wochen zu treffen habe, mache ich doch nicht von Jürgen Klinsmann abhängig. Für mich geht es nur noch darum, ob ich Fußball mit Spaß spielen kann.

Christian Wörns will jetzt aus Spaß Fußball spielen?

Auch wenn Sie’s nicht glauben: Ich hatte immer Spaß am Fußball. Wenn ich wegen des Geldes weitermachen müsste, hätte ich in den vergangenen 20 Jahren Grundlegendes falsch gemacht. Ich entscheide ganz frei davon, was die Öffentlichkeit darüber denkt.

Sie sind der letzte noch aktive Vertreter der legendären Waldhof-Schule, der Abwehrrecken wie die Förster-Brüder und Jürgen Kohler entstammen. Mit Ihnen stirbt dieser Zweig aus.

Kann schon sein, dass dieser Mythos stirbt. Aber Rücksicht kann ich darauf nicht nehmen. Außerdem gibt es bestimmt einige in diesem Land, die ganz froh darüber sind.

Sie meinen, weil dieser Verteidigertyp nicht mehr zeitgemäß ist?

Das haben jetzt Sie gesagt. Als ich anfing, wurde noch mit Libero und zwei Manndeckern gespielt. Verändert hat sich das Spiel nicht. Verteidiger müssen heute noch zweikampf- und kopfballstark sein, ein gutes Stellungsspiel haben und einen guten ersten Pass über 20 Meter spielen. Das habe ich alles. Ich konnte ebenso gut in der Viererkette spielen. Es ist ja nicht so, dass ich in den letzten zehn Jahren nur dem Stürmer hinterhergerannt bin. Ich bitte Sie.

Sie sind schon einmal Pokalsieger geworden – mit Bayer Leverkusen. Das ist jetzt 15 Jahre her. Für einen Fußballer ist das eine gefühlte Ewigkeit.

Ja, dennoch weiß ich, wie schön es sich anfühlt, einen Titel zu gewinnen. Wissen Sie, ich kann ja auf eine lange und gute Karriere zurückblicken. Ich habe die meisten Jahre konstant auf hohem Niveau gespielt, ich war im Ausland und habe 13 Jahre in der Nationalmannschaft gestanden. Das einzige Manko ist: Es fehlen mir ein paar Titel. Den Pokalsieg sprachen Sie an, und dann ist da noch die deutsche Meisterschaft mit Dortmund. Aber leider haben wir 2002 das Finale im Uefa-Cup in Rotterdam verloren. Dafür spielt man Fußball: dass man Spaß hat, erfolgreich ist und viele Titel sammelt.

Was soll denn im Pokalfinale anders laufen als am vergangenen Sonntag?

Eigentlich alles. In Berlin muss von jedem mehr kommen. Und das wird es auch, denn jeder weiß, was die Stunde geschlagen hat.

Die Fragen stellte Michael Rosentritt.

Christian Wörns, 35, ist Kapitän von Borussia Dortmund. Er debütierte mit 17 in der Bundesliga, gewann mit Leverkusen den Pokal, spielte in Paris und bestritt  66 Länderspiele.

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