DFB-Sportdirektor Hansi Flick im Interview : „Wir brauchen bessere Trainer“

DFB-Sportdirektor Hansi Flick über die Neuausrichtung des deutschen Fußball-Nachwuchses und wie man einen echten Stürmer kreiert.

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Hans-Dieter Flick setzt voll auf individuelle Stärke im Nachwuchsbereich.
Hans-Dieter Flick setzt voll auf individuelle Stärke im Nachwuchsbereich.Foto: imago/Revierfoto

Herr Flick, haben Sie vorigen Montag auch vor dem Transferticker verbracht?

Das nicht. Aber es hat mich natürlich interessiert, was sich alles noch getan hat.

Mal angenommen, Sie wären nicht Sportdirektor beim DFB, sondern beim VfL Wolfsburg: Was würden Sie mit Transfereinnahmen von 100 Millionen Euro machen?

Gut, dass ich beim DFB keine Spieler kaufen muss (lacht). Ich finde, dass in Wolfsburg hervorragend gearbeitet wird. Da ist ein Konzept erkennbar.

Man kann beklagen, dass die Liga interessante Spieler verliert; man kann mit dem Geld aus England aber auch etwas Vernünftiges anfangen. Was wäre das aus Ihrer Sicht?

Für uns im deutschen Fußball muss es das Ziel sein, dass wir die beste Ausbildung bieten, die es gibt. Finanziell können wir mit England im Moment nicht konkurrieren, aber das eröffnet uns auch Chancen. Ich habe mir das Halbfinale der Youth League mit dem FC Chelsea angeschaut. Chelsea hat eine fantastische U 19, mit acht englischen Spielern im Kader. Aber von den Jungs spielt keiner bei den Profis. Vielleicht wird mal einer eingewechselt. Die Engländer haben genügend talentierte Spieler, aber gerade in dem Alter, in dem es wichtig wäre zu spielen, bekommen sie keine Spielpraxis.

Christian Heidel, der Mainzer Manager, hat gesagt: Es ist doch super, dass die Engländer so viel zahlen – wenn wir das Geld wieder in unsere Jugendarbeit investieren.

Mainz ist in dieser Hinsicht wirklich vorbildlich, sie haben für mich eines der besten Nachwuchsleistungszentren in Deutschland. Ich würde mir wünschen, dass alle Klubs diesem Beispiel folgen. Wir waren in diesem Jahr mit unseren Nachwuchsteams für alle großen Turniere qualifiziert. Das ist top. Aber wir haben auch gesehen: Wenn unsere Mannschaften unter Druck geraten, kann nicht jeder Spieler seine Fähigkeiten zu hundert Prozent auf den Platz bringen. Dann machen wir zu viele Fehler.

Woran liegt das?

Das hat etwas mit Stabilität zu tun, und damit meine ich nicht die defensive Stabilität. Ich meine mentale und kognitive Stabilität. Wir müssen über 90 Minuten mental so frisch, so stabil sein, dass wir die Dinge klar wahrnehmen und den Kopf richtig einsetzen, wenn es darauf ankommt. Wenn ein hoher Favorit gegen einen klaren Außenseiter spielt und der Außenseiter sich am eigenen Strafraum einigelt, muss der Favorit in der Lage sein, seinen Gegner zu überfordern. Dann wird er irgendwann den entscheidenden Fehler machen.

Kann man diese Stabilität trainieren?

Man muss sie trainieren. Die Spieler müssen lernen, mit stressigen Spielsituationen umzugehen. Wir haben uns in der Ausbildung enorm entwickelt. Was die Systeme angeht, sind wir schon sehr weit. Auch das technische Niveau hat sich stark verbessert. Aber gerade in den Bereichen der kognitiven Fähigkeiten und Stressresistenz können unsere Talente noch deutliche Fortschritte machen. Das Thema ist hochspannend und wird von allen Nationen vorangetrieben. Damit können wir nicht warten, bis in drei Jahren die DFB-Akademie steht. Wir müssen jetzt mit den 16-Jährigen beginnen, die können in drei Jahren schon Nationalspieler sein.

Hat Stressresistenz auch etwas mit dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu tun?

Ganz sicher. Deshalb müssen wir uns wieder mehr um die Basics kümmern: um das Eins-gegen-eins, das Passspiel. Ballan- und -mitnahme, den ersten Kontakt. Wir müssen mit dem Techniktraining schon bei den Zehn- oder Elfjährigen anfangen. Heute ist ein Top-Talent mit 17, 18 schon so weit, dass er bei den Profis spielen kann. Zu meiner Zeit hieß es: Der ist jetzt 20, gib ihm noch mal fünf Jahre.

Sie haben gesagt, dass in den vergangenen Jahren zu viel Wert auf Systeme gelegt wurde und Individualität künftig wieder über dem Team stehen müsse.

Ich habe sogar von Egoismus gesprochen, das war bewusst ein wenig überspitzt. Unsere Spieler in den Leistungszentren können alle einen perfekten Aufsatz über die Spielsysteme schreiben, aber wir müssen sehen, dass sie in den Basics top sind. Wir müssen sie ermuntern, sich spielerisch auszutoben. Ich möchte Spieler haben, deren Stärke das Eins-gegen-eins ist und die sich auch trauen, diese Qualität einzusetzen. Wer es schafft, seinen Gegenspieler auszuspielen, beschert seiner Mannschaft einen Riesenvorteil, weil dann das Gebilde des Gegners zerfällt. Wenn ich jeden Einzelnen besser mache, wird auch die Mannschaft automatisch besser. Mein früherer Trainer Udo Lattek hat immer zu uns gesagt: „Ich mache euch einen Kopf größer.“

Hockey-Bundestrainer Jamilon Mülders beklagt bei seinen Spielerinnen Schwächen im individuellen Abwehrverhalten und führt das auch darauf zurück, dass es uncool sei, zu verteidigen. Dieses Phänomen scheint es nicht nur im Hockey zu geben.

Es gibt ja sogar Fußballtrainer, die gesagt haben: Ich brauche keine Zweikämpfe mehr. Wenn der Gegner in Ballbesitz ist, schaffe ich Überzahl, setze ihn unter Raum-, Zeit- und Gegnerdruck und gewinne dadurch den Ball; und wenn ich in Ballbesitz bin, habe ich bei Überzahl immer die Möglichkeit, einfach abzuspielen. Aber wenn ich hinten in Überzahl bin, kann ich vorne nicht in Überzahl sein. Deshalb gehört das Eins-gegen-eins für mich zu den Basics. Defensiv wie offensiv. Mir ist es doch lieber, ich habe einen starken Innenverteidiger, der allein gegen den einen Stürmer des Gegners spielen kann, anstatt ihm noch zwei oder drei Spieler zur Absicherung an die Seite zu stellen. Die Verteidiger sollen sich nicht auf den Nebenmann oder das System verlassen, sie sollen wissen, dass sie sich individuell mit den Besten der Besten messen können. Wenn ein Verteidiger sich im Eins-gegen-eins wohlfühlt, weil er das schon tausend Mal gemacht hat, dann bin ich in der Ausbildung einen großen Schritt vorangekommen.

Was kann der deutsche Fußballnachwuchs ausgesprochen gut?

Wir bewegen uns schon auf einem sehr guten Niveau. Das merke ich auch daran, welch hohe Meinung andere Nationen von dem haben, was wir leisten. Aber wir können noch viel besser werden. Ein Beispiel: Nur 25 Prozent der Trainer im Nachwuchs haben einen Trainerschein. Unser Anspruch muss sein, dass 50 Prozent der Trainer lizenziert sind. Mindestens. Ein guter Trainer entwickelt gute Spieler. Deshalb brauchen wir bessere Trainer. Meine Mannschaft sind jetzt die Trainer. Die Trainer sind der Schlüssel.

Und was machen andere Nationen besser?

In der Schweiz ist es so, dass es in den Altersklassen der 11- bis 14-Jährigen praktisch keinen Abstieg mehr gibt. Die Mannschaften können sogar untereinander Spieler austauschen. Wichtig ist, dass alle spielen. Der Fokus liegt absolut auf der Ausbildung der Spieler, nicht auf dem Ergebnis. Bei uns in den Leistungszentren der Profivereine ist es noch oft so, dass der Trainer unter Druck gerät, wenn das Ergebnis nicht stimmt. Also schaut er nicht auf die individuelle Ausbildung, sondern achtet darauf, dass die Mannschaft funktioniert und am Wochenende das Ergebnis stimmt. Dadurch fällt vielleicht ein Jugendlicher durchs Raster, der zwar technisch besser ist, aber nicht spielt, weil er noch körperliche Defizite hat. Da müssen wir umdenken.

Wann sollte die positionsbezogene Spezialisierung anfangen?

Wir gehen ein bisschen weg von den Positionen, wir nennen es lieber Zonen. Ob du in der zentralen Zone Innenverteidiger bist oder Mittelfeldspieler, ob du in der rechten Zone Außenverteidiger bist oder Außenstürmer – das unterscheidet sich nur in Nuancen. Für einen Außenverteidiger ist es wichtig, auch mal weiter vorne zu spielen, um den letzten Pass zu schulen. Im Spiel kommst du ja auch immer wieder in diese Situation. Aber so weit sind wir noch nicht. Im Moment beschäftigen wir uns mit der Grundauffassung unseres Spiels. Wir brauchen eine einheitliche Linie von der A-Nationalmannschaft bis zur U 15. Der deutsche Fußball soll eine unverwechselbare Identität gewinnen.

Wie sieht diese Identität aus?

Wir wollen initiativ sein, das heißt: Wir wollen den Ball haben. Und wenn der Gegner ihn hat, dann wollen wir ihn uns holen. Eine der Leitlinien lautet: Bei Ballbesitz Gegner binden, ohne Ball anspielbar sein oder Zugriff auf den Gegner haben. Daraus ergibt sich in jeder Situation genau, wie ich mich zu verhalten habe. Wenn ich den Ball habe, gehe ich auf den Gegenspieler zu, binde ihn dadurch. Wenn ich den Ball abspiele, habe ich den Gegner überspielt und meinem Mitspieler Raum verschafft.

Das würde bedeuten, dass die Ballkontaktzeiten wieder größer werden.

Das Spiel verändert sich ja ständig. Mit der Nationalmannschaft waren wir bei der WM 2010 top. Wir haben den Ball gewonnen, relativ schnell umgeschaltet und den Angriff abgeschlossen. Aber wenn wir heute noch so spielen würden, hätten wir keine Chance, weil die Gegner sich darauf eingestellt und ihr Spiel verändert haben. Auch unser Spiel muss sich verändern. Nur das oberste Ziel ist gleich geblieben: konsequent Tore zu erzielen. Ziel muss sein, dass wir die erste Möglichkeit nutzen, einen Spieler anzuspielen, der eine Chance kreieren oder ein Tor erzielen kann. Wir kreieren in der A-Nationalmannschaft viele Chancen, lassen aber viele liegen. Die Effizienz fehlt noch.

Weil es keine echten Stürmer mehr gibt?

Mir wäre auch lieb, wenn wir in jedem U-Team einen wie Miroslav Klose hätten, der im Strafraum seine Stärken hat, sich aber auch außerhalb des Strafraums behaupten und mitspielen kann. Aber Mario Götze, Marco Reus oder Thomas Müller haben auch die Qualität, um eine Defensive auszuhebeln, selbst wenn sie keine klassischen Stürmer sind. Trotzdem wollen wir diese Stürmer künftig kreieren.

Wie kreiert man denn solche Stürmer?

Nur in Zusammenarbeit mit den Vereinen. Es gibt schon den einen oder anderen Stürmer im U-Bereich, bei dem ich sage: Der hat Qualität, der kann einer werden. Vielleicht ist es eine Idee, mal wieder mit zwei Stürmern zu spielen. Wir müssen da auch mal andere Wege gehen und den Jungs vor allem Zeit geben. Deswegen sind die Trainer der U-Teams jetzt immer zwei Jahre für die Mannschaft verantwortlich. Der U-16-Trainer kann also im ersten Jahr etwas ausprobieren und jeden Spieler individuell einen Tick besser machen, ehe er sich dann idealerweise mit der U 17 für die EM qualifiziert.

Haben Sie auch schon den Linksverteidiger für die WM 2022 entdeckt?

Könnte sein, vielleicht.

Die gibt’s noch?

Die gibt’s noch. Es gibt mehrere sogar.

Die Namen …

… möchte ich natürlich nicht nennen.

Ist es vielleicht so, dass die Schwächsten einer Mannschaft meistens nach außen und hinten geschoben werden?

Ich muss ein bisschen aufpassen. Ich habe bei den Bayern auch hinten rechts angefangen. Aber vielleicht war’s tatsächlich so. Nur, heute geht das nicht mehr so einfach.

Warum nicht?

Die Position ist anspruchsvoll geworden. Sie ist komplex, spannend und interessant. Außenverteidiger prägen das Spiel. Du bist der Spielmacher über außen, der letzte Passgeber, du kannst selbst Tore schießen, musst aber auch in der Defensive stehen. Philipp Lahm hat das mehr als ein Jahrzehnt lang überragend gemacht. Für mich hätte er längst Weltfußballer werden müssen. Aber da stehen andere Positionen eben eher im Fokus.

Also glauben Sie nicht, dass sich am Stellenwert des Außenverteidigers etwas ändert.

Doch. Weil jetzt viel drüber gesprochen wird. Als ich beim DFB angefangen habe, hieß es immer: Wir haben keine Außenstürmer. Und heute? Gibt es unglaublich viele richtig gute. In Zukunft werden wir aber noch stärker darauf achten müssen, dass wir solche Entwicklungen früher erkennen: Hey, wenn das so weiter geht, haben wir in fünf Jahren vielleicht auf der Position des Innenverteidigers Probleme. Also: Wie können wir das rechtzeitig auffangen – und nicht erst reagieren, wenn es schon zu spät ist.

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