Sport : Dichter, Denker, Durchschnittsbürger

Hannover will München die Champions League nehmen. Die Stadt erobert das ganze Land. Ein Streifzug

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Die Hannoveranisierung schreitet voran. Die Stadt hat das Land politisch schon übernommen – nun auch sportlich?
Die Hannoveranisierung schreitet voran. Die Stadt hat das Land politisch schon übernommen – nun auch sportlich?Foto: ddp

Dem Satiriker Wiglaf Droste gebührt die Urheberschaft für den Satz: Wenn’s dir in Hannover gefällt, gefällt’s dir überall.

Mehr Geringschätzung in weniger Worten ist schwer vorstellbar. Auch nicht für den unwahrscheinlichen Fall, die mittlerweile schwer verfeindeten Herren Uli Hoeneß und Louis van Gaal würden noch mal gemeinsam eine Kiste Rioja leeren und dabei ein Statement zum heutigen Gegner erarbeiten. Ein Statement zu Hannover 96. Es sind schwere Tage für den Fußballtrainer van Gaal, seinen Präsidenten Hoeneß und ihren FC Bayern München. In der Bundesliga stehen sie zehn Runden vor Saisonschluss auf dem vierten Platz, zwei Punkte hinter dem Dritten, der im nächsten Jahr noch in der Champions League mitspielen darf. Stand heute ist das Hannover 96.

Man darf wohl davon ausgehen, dass es den Hannoveranern in Hannover gerade ganz gut gefällt.

Oder, wie es die zurzeit populärste Tochter der Stadt sagen würde: „Verdammte Axt, ist das geil!“ Lena Meyer-Landrut hat Hannover so populär gemacht wie Boris Becker einst Leimen. Im vergangenen Jahr gewann Hannover die deutsche Meisterschaft im Eishockey, der bayerischsten aller Sportarten. Sollten nun auch noch die Fußballspieler vor Robben, Ribéry und Müller landen, wäre das Hannovers größter Triumph über München seit Gerhard Schröders Wahlsieg gegen Edmund Stoiber.

Wer die Welt zu Expo und Cebit empfängt – kann der nicht auch mit den Weltunternehmen Milan, Barça und Real kicken? Für Bayerns Philipp Lahm ist das Spiel heute in Hannover „das vielleicht wichtigste der Saison“. So ein schönes Kompliment ist Hannover 96 zum letzten Mal wohl beim Gewinn der zweiten und bislang letzten deutschen Meisterschaft gemacht worden, und das war 1954.

Gerhard Schröder, erster Kanzler der Berliner Republik, ist bekennender Fußballfan, seine Sympathien gehören Borussia Dortmund (Tabellenerster, 19 Punkte vor den Bayern) – obwohl er Hannoveraner ist. Der amtierende Bundespräsident war vor dem Karrieresprung nach Berlin auch Ministerpräsident von Niedersachsen – und ist 96-Fan. Als Angela Merkel im Sommer 2010 ihren Kandidaten für das Schloss Bellevue vorstellte, konstatierte die „Süddeutsche Zeitung“: „Als hätte aus all den durchschnittlichen Deutschen der Durchschnittlichste gefunden werden müssen, um alle Bürger zu repräsentieren, traf es Christian Wulff.“

Da ist was dran, und es lassen sich gewiss hübsche Parallelen ziehen zur Nivellierung von Fußball- und Staatskunst. Dass Hannover lange „Stadt ohne Eigenschaften“ genannt wurde, hatte ja auch nichts mit Robert Musil zu tun. Aber: Erinnert sich noch einer an den letzten Münchner in einer herausragenden Position in der Bundespolitik? Franz-Josef Strauß zog, wie später Stoiber, den bayerischen Thron vor. München mag sich mit einem grünen Oberbürgermeisterstellvertreter schmücken, in Hannover sind sie zwei Schritte weiter.

Hier funktioniert sogar Multikulti, mit einem halbbritischen Regierungschef und einer muslimischen Integrationsministerin. Und auch was die Gabe des politischen Anstandes betrifft, haben die Niedersachsen den Bayern einiges voraus. Auskünfte erteilt gern Hannovers Landesbischöfin Margot Käßmann, deren Rückzug aus dem Amt der EKD-Ratsvorsitzenden so geordnet verlief, wie es sich nicht nur viele CSU-Sympathisanten von ihrem Verteidigungsminister gewünscht hätten.

Die Hannoveranisierung des Landes ist schleichend vorangeschritten. Aber es gab frühzeitig Signale. Von den Scorpions, einer lokalen Rockband, die 1989 Glasnost und Perestroika zur weltweiten Wende-Hymne „Wind of Change“ vertonten. Aus Monaco, dessen Fürstenhaus in Gestalt von Prinzessin Caroline bei Ernst August von Hannover einheiratete. Oder aus Nürnberg, wo das Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung vor ein paar Jahren Geldscheine aus allerlei deutschen Städten auf Drogenspuren untersucht hat. Dabei kam heraus, dass nicht etwa in München, Berlin oder Hamburg am meisten gekokst wird. Sondern in ... Hannover! München landete ganz weit hinten, was sich schwer verträgt mit dem Ruf einer Schickeria-Metropole. Helmut Dietl hat der Münchner Kir-und-Bussi-Gesellschaft 1997 mit „Rossini“ ein filmisches Denkmal gesetzt. Seine Hauptdarstellerin Veronica Ferres ist heute mit Carsten Maschmeyer liiert, einem Hannoveraner Geschäftsmann, der beste Verbindungen zu Christian Wulff und Gerhard Schröder unterhält.

Hannover war wohl schon länger auf dem Sprung, aber niemand wollte das so recht zur Kenntnis nehmen, bevor Lena Meyer-Landrut im Frühling 2010 Oslo, nun ja, gerockt hat. Man muss den Eurovision Song Contest nicht mögen. Und doch sollte sich jeder noch daran erinnern, wie wichtig den Deutschen dieses Festival der seichten Unterhaltungskunst schon immer war und in welchen Sphären sie dabei zumeist herumgeisterten. Zuletzt im Jahr vor Lena, als es in Moskau zu Platz 20 reichte für den deutschen Beitrag, vorgetragen von einem Sänger aus München.

Mit Frau Meyer-Landruts Erfolg hat Hannover auch das kulturelle Anspruchsdenken dieses Landes ein Stück verändert. Wer bösartig ist, darf als Beleg dafür ein Gedicht anführen, das die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ vor dem Bayern-Spiel gedruckt hat. Autor ist ein Leser des Blattes, er heißt Georg Schipporeit, kommt aus Isernhagen und sein Gedicht geht so:

Dortmund, Bayer, Sechsundneunzig.

Alle Niedersachsen freu’n sich.

Dritter Platz und vor den Bayern!

Langsam fängt man an zu feiern.

Denn sie lügt nicht, die Tabelle.

Noch zehn Spiele, das geht schnelle.

Und am Ende winkt Europa.

Dass er’s noch erlebt, der Opa!

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