Sport : Dicke Luft über Peking

Ein Jahr vor den Olympischen Spielen gefährdet der Smog die Wettkämpfe

Marcel Grzanna[Peking]

China posaunte via Schlagerschnulze die Botschaft in den Abendhimmel. „We are ready“ – „wir sind bereit“, schallte es am Mittwochabend vom Platz des Himmlischen Friedens über die Fernsehstationen hinaus in alle Welt. Die größte Zeremonie zum Countdown in der olympischen Geschichte sollte demonstrieren, dass eine erfolgreiche Ausrichtung der Sommerspiele 2008 in Peking reine Formsache ist.

Doch der Titelsong des zweistündigen Bühnenstücks mit internationaler Besetzung hätte auch lauten können: „Wir haben ein dickes Fell“. Mit stoischer Ruhe konterten die Chinesen Beschwerden etlicher Menschenrechtsgruppen in den vergangenen Tagen und vieler Dissidenten aus dem Landesinnern. Die Organisatoren übertünchten all die dunklen Flecken dieser Woche mit grellem Scheinwerferlicht und vielen Farben auf dem Tiananmen-Platz. Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Komitees (IOC), erwies sich als schlauer Diplomat. Mit kräftiger Stimme sagte der Belgier: „Die Welt blickt erwartungsvoll in dieses Land. China öffnet sich der Welt auf neuen Wegen.“ Mit solchen wohlwollenden Bemerkungen können die Chinesen gut leben. Gleichzeitig eröffnete sich Rogge mit dem Schmusekurs die Möglichkeit, den Gastgebern in anderer Angelegenheit auf die Finger zu hauen. Bereits am Nachmittag hatte der Belgier die Luftverhältnisse der Hauptstadt als nicht olympiareif beurteilt. Er forderte Maßnahmen gegen die hohe Luftverschmutzung. „Es ist von enormer Wichtigkeit, dass die Organisatoren ihr Möglichstes tun, um diese Herausforderung zu meistern“, sagte er. Die Gesundheit der Athleten stehe an allererster Stelle. Sollten sich die Verhältnisse nicht bessern, drohte Rogge mit der Verschiebung von Wettkämpfen. Davon betroffen sein könnten Sportarten, die Ausdauer unter freiem Himmel verlangen wie Radfahren oder Triathlon. Angesichts Rogges sonstiger Gelassenheit blieb den Chinesen nichts anderes übrig, als die bittere Pille widerstandslos zu schlucken.

Doch am Abend war auch das verdaut und tat der guten Stimmung im Herzen Pekings keinen Abbruch. 10 000 Personen waren zugelassen, viele darunter waren Ehrengäste – so wie Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und Chef de Mission der deutschen Olympiamannschaft. Vesper hatte kürzlich in einem Positionspapier des DOSB kritisch zur Menschenrechtssituation in China Stellung bezogen. Unter diesen Umständen war es wohl besser, dass er sich gestern in Peking zum Thema Umwelt nicht äußerte.

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