Sport : Dicker Rotstift, dickes Notizbuch

Frank Arnesen tritt seinen Dienst beim Hamburger SV an und hat viel Arbeit vor sich

Frank Heike[Hamburg]
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So froh wie am Montag war der HSV schon lange nicht mehr: Endlich ist der neue Sportchef da! Knapp zwei Jahre nach der Trennung von Dietmar Beiersdorfer ist der Nachfolger also gefunden, denn der ehemalige Profi Bastian Reinhardt war nie mehr als eine Zwischenlösung. Da Frank Arnesen aus seiner Tätigkeit in Eindhoven in der Zeit vor Chelsea ein sehr guter Ruf vorauseilt, was das Arbeiten mit beschränkten finanziellen Mitteln angeht, träumt ganz Hamburg von einer höchst erfolgreichen Spielzeit 2011/2012. So ist es wie eigentlich immer in den letzten Jahren: Eine enttäuschende Saison geht vorbei, der Hoffnungsträger kommt, und alle glauben, dass es besser wird.

Freudestrahlend begrüßten Vereinschef Carl Jarchow, Amateurvorstand Oliver Scheel und Reinhardt den neuen starken Mann des HSV am Montag in der Arena. Dass er den HSV mit deutlich geringerem Etat als zuletzt und einer umgekrempelten Mannschaft mindestens auf Rang sechs und in die Europa League führen soll, scheint Frank Arnesen nicht zu belasten: „Ich bin es gewohnt, dass viel von mir erwartet wird.“

Sein Ende beim FC Chelsea soll nicht so schön gewesen sein. Bis zum letzten Tag seines Vertrages sollte Arnesen bis Ende Juni täglich tätig in den Diensten des Londoner Spitzenklubs bleiben. So wollte es Geldgeber Roman Abramowitsch. Das wiederum gefiel dem HSV nicht so gut, denn so hätte Arnesen erst ziemlich spät die Geschicke in Hamburg lenken können. Als sich aber abzeichnete, dass die Saison Chelseas ohne einen der großen Titel in Premier League oder Champions League enden würde, legte ihm niemand mehr Steine in den Weg, und so kam es, dass der 54 Jahre alte Däne seinen Dienstbeginn in Hamburg auf diese Woche vorverlegen durfte.

Wobei die Chancen recht groß sind, dass Arnesen tatsächlich etwas verändern kann. Er gilt als gestählter Fachmann und bestens vernetzt in der großen, weiten Welt des Fußballs. Arnesen verfüge über ein „Notizbuch, in dem jedes Talent Europas vermerkt ist“, sagte der ehemalige dänische Nationaltrainer Sepp Piontek.

Die erste Verpflichtung soll nun der niederländische Abwehrspieler Jeffrey Bruma sein. Der 19 Jahre alte Profi vom FC Chelsea war zuletzt an Leicester City ausgeliehen; dem HSV schwebt ebenfalls ein Leihgeschäft vor. Was Arnesen neben seinem sagenumwobenen Notizbuch mitbringt (in Wahrheit eine Laptop-Datei), ist die dänische Sportmentalität: sympathisch und dabei zielstrebig, ohne verbissen zu sein.

Holen ist einfach, loswerden viel schwerer – bevor es für Arnesen ans Gestalten geht, muss er einige Spieler abgeben. Nur noch 20 Profis und vier Nachwuchsakteure haben im neuen Hamburger Kader Platz. Deswegen sollen bei ordentlichen Angeboten namhafte Profis wie Joris Mathijsen, Guy Demel, Jonathan Pitroipa, Eljero Elia, Marcell Jansen und Paolo Guerrero verkauft werden.

Der große Umbruch vollzieht sich derzeit in allen Bereichen. Ob Vorstand, Mannschaft, medizinischer Stab oder Pressestelle, überall regiert der Rotstift. Die laufende Spielzeit wird der HSV mit einem Minus in Höhe von drei Millionen Euro abschließen. Der Spielraum für die Mannschaft werde „sehr viel enger“ sein, sagte der Vorstandsvorsitzende Jarchow. Sportchef Arnesen kennt die Rahmendaten. Schrecken lässt er sich davon nicht. Er will die vorhandenen und entstehenden Löcher mit jungen, hungrigen, kreativen Spielern stopfen.

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