Sport : Die 10-Sekunden-Methode

Hannover hat den überfallartigen Konterangriff perfektioniert – Hertha will heute ein Gegenmittel finden

von
…drei, zwei, eins, drin. Auch der favorisierte FC Sevilla verfing sich in der Europa League am Donnerstag in Hannovers Spinnennetz. Foto: dpa
…drei, zwei, eins, drin. Auch der favorisierte FC Sevilla verfing sich in der Europa League am Donnerstag in Hannovers...Foto: dpa

Berlin - Mitte dieser Woche ist aus Hertha BSC plötzlich Hannover 96 geworden. Die Stimme von Kotrainer Rainer Widmayer tönt laut über den Trainingsplatz, auf dem sich vier Angreifer zwei Verteidigern gegenübersehen. Eine machbare Aufgabe für die Offensivspieler. Doch Widmayer ist ein bisschen verärgert, ihm geht das alles nicht schnell genug. „Bei Balleroberung musst du den Ball fordern!“, ruft er. „Tempo und Zug dahinter“ will der Assistent von Cheftrainer Markus Babbel sehen. Zehn Sekunden haben die Angreifer bis zum Abschluss. Widmayer zählt die Zeit runter: … drei, zwei, eins. Vorbei.

Zehn Sekunden sind in etwa die Zeitspanne, die eine Mannschaft nach Ballverlust braucht, um sich wieder einigermaßen zu sortieren. Man könnte auch sagen: Zehn Sekunden ist die Maßeinheit für den Erfolg von Hannover 96. Inzwischen ist es kein Geheimnis mehr, wie die Mannschaft von Mirko Slomka spielt. Nach Ballgewinn schaltet sie extrem schnell von der Defensive in die Offensive um; innerhalb von zehn Sekunden will Slomka einen Angriff zum Abschluss gebracht sehen. Mit dieser Methode hat es 96 weit gebracht. Vierter ist Hannover in der Fußball-Bundesliga geworden. Eine Laune des Zufalls, haben viele gedacht; doch die ersten vier Pflichtspiele der neuen Spielzeit hat die Mannschaft auch schon wieder gewonnen. „Hannover hat es verstanden, als Kollektiv aufzutreten“, sagt Herthas Trainer Babbel. „Für mich ist es kein Zufall, dass sie wieder so gut gestartet sind.“

Die alte Methode wirkt weiterhin. „Die Automatismen, die wir uns letztes Jahr erarbeitet haben, sind noch da“, sagt Hannovers Verteidiger Christian Schulz. Das Paradoxe ist, dass die Liga längst weiß, wie 96 spielt, dass das Team aber immer noch unglaublich schwer zu knacken ist. Am Sonntag (17.30 Uhr, live bei Sky) wird sich mit Hertha der nächste Kandidat an der anspruchsvollen Aufgabe versuchen. „Wir sind noch am Suchen“, sagt Widmayer. „Aber wir werden was finden.“

Babbels Taktikbeauftragter hat von Herthas Scoutingabteilung eine DVD mit typischen Szenen für Hannovers Spiel bekommen. Daraus hat Widmayer die Inhalte für die eigene Vorbereitung abgeleitet. Dass die Berliner, wie schon vor dem Auswärtsspiel beim Hamburger SV, das offensive Umschaltspiel geübt haben, lässt gewisse Rückschlüsse auf ihren Plan zu. Warum soll Hertha als Aufsteiger und Außenseiter die Initiative übernehmen? Schließlich ist Hannover die Heimmannschaft.

Die Berliner sind nicht die Ersten, die so denken. Nur hat das die 96er schon vorige Saison nicht besonders interessiert. Ihr Spiel kennt keine Heim- und Auswärtsvariante. Es macht Hannover nichts aus, auch zu Hause wie eine Auswärtsmannschaft aufzutreten, sehr tief zu verteidigen, sämtliche Räume zuzulaufen und dann über Konter zum Erfolg zu kommen. Trotzdem war 96 in der vergangenen Saison das drittbeste Heimteam der Liga. „Viele wollten vielleicht zu viel“, sagt Widmayer über all die prominenten Gegner, die sich in Hannovers Spinnennetz verfangen haben.

In der Rückrunde hat Hannover im eigenen Stadion nur gegen Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach verloren. „Sie erwarten, dass du das Spiel machst, aber wir haben sie kommen lassen“, sagt Borussias Manager Max Eberl. „Entscheidend ist, dass du dich nicht tot spielst, sondern einen Abschluss hast – selbst wenn es ein Schuss aus 20 oder 30 Metern ist.“ Im Zweifel gibt es Abstoß, aber erst einmal haben die Hannoveraner wieder den Ball und müssen selbst aktiv werden. Genau das liegt ihnen nicht.

Wenn sie den Ball schon haben, können sie ihn nämlich nicht erobern, aber genau darauf basiert Hannovers Stärke. „Entscheidend sind die ersten Kontakte nach dem Ballgewinn“, sagt Slomka. Die offensiven Außenspieler suchen sofort den Weg in die Tiefe und machen das Feld damit so groß und weit, dass sich eine unsortierte Defensive darin geradezu verliert und der Raum kaum zu verteidigen ist. Eine „unglaubliche Struktur und eine unglaubliche Effizienz“ bescheinigt Eberl den 96ern. Nur sechs Chancen haben sie sich in den ersten beiden Saisonspielen erarbeitet – daraus aber vier Tore gemacht. Eine bessere Quote hat kein anderer Bundesligist.

Schlüsselfiguren für das Umschaltspiel sind die beiden Sechser Sergio Pinto und Manuel Schmiedebach. Dass sie eine für defensive Mittelfeldspieler dürftige Passquote haben, bedeutet fast gar nichts. Beide haben weniger als 70 Prozent ihrer Zuspiele an den eigenen Mann gebracht, deutlich weniger als ihre Pendants aus anderen Klubs, Lars Bender etwa, William Kvist (je 86), Peter Niemeyer (87) oder Ilkay Gündogan (88). Beide sind jedoch von Slomka explizit angehalten, den Ball sofort und mit entsprechendem Risiko nach vorne zu spielen – selbst auf die Gefahr hin, dass er mal nicht ankommt. Wenn er aber einen der schnellen Leute – Rausch, Stindl, Schlaudraff, Ya Konan oder Abdellaoue – erreicht, wächst die Gefahr für den Gegner ins Unermessliche.

Für Hertha wird es darauf ankommen, genau solche Situationen zu verhindern, also bei Ballbesitz immer mögliche Gefahren und die Defensive im Hinterkopf zu haben. „Wir geben unseren Spielern mit, mit dem Schlimmsten zu rechnen und für diesen Fall vorbereitet zu sein“, sagt Rainer Widmayer. „Trotzdem müssen wir mit hundertprozentiger Überzeugung nach vorne spielen.“ Und überhaupt dürfe man einen Gegner nie zu groß werden lassen. Nicht einmal Hannover 96.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben