Die 100. Tour de France - Teil 2 : Nichtangriffspakt und Lebertreffer

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums blicken wir in einer dreiteiligen Serie zurück auf die Geschichte der Tour de France. Im zweiten Teil heute: Die aufreibendsten Duelle und ihre allgemeine Bedeutung.

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Freund und Helfer. Bei der Tour de France 1949 teilen sich der spätere Sieger Fausto Coppi (rechts) und sein italienischer Landsmann Gino Bartali das Wasser.
Freund und Helfer. Bei der Tour de France 1949 teilen sich der spätere Sieger Fausto Coppi (rechts) und sein italienischer...Foto: picture-alliance / dpa

Es gibt nur wenige Sportveranstaltungen, die so viele Menschen über so viele Jahre fasziniert haben wie die Tour. Doch so hoch die Radfahrer die Berge auch geklettert sind, so tief waren immer wieder die Abstürze – vor allem durch Dopingskandale. Im zweiten Teil der Serie (zum ersten Teil) blicken wir auf vergangene Duelle und ihre allgemeine Bedeutung.

Tom und Jerry, Bayern München gegen Borussia Dortmund oder „Schlag den Raab“: Wir leben schon lange in einer Welt der Duelle, und der Sport und sein Unterhaltungswert sind nicht erst seit dem Ende des Pistolenduells von Mann gegen Mann gar nicht anders vorstellbar. Das ist natürlich auch bei der Tour de France so. Der jahrelange Zweikampf zwischen Jan Ullrich und Lance Armstrong ist durch deren Doping-Geständnisse zwar im Nachhinein entwertet, hat aber stets bestens funktioniert. So wie die anderen Duelle davor. Wie sonst soll der Pulk von auch in diesem Jahr knapp 200 Radprofis dargestellt werden? Die Traube der nur wenige Zentimeter voneinander entfernt durch die Straße rauschenden Fahrer hat auch ihren Reiz, würde aber trotz der Massenstürze schnell langweilig werden ohne Protagonisten, ihre Rollenzuschreibungen und die dramatischen Wendungen.

Zwei Franzosen kämpfen um den Sieg? Es gibt doch genug Unterschiede! Der junge Laurent Fignon – mit Brille und Pferdeschwanz – gegen den unaufgeregten viermaligen Toursieger Bernard Hinault, der bei Fignons erstem Triumph im Vorjahr verletzt nicht dabei war. Im Kampf der Generationen 1984 hängt der 24-jährige Fignon den sechs Jahre älteren Hinault klar ab, der kann erst wieder im Jahr darauf gewinnen, als wiederum Fignon verletzt fehlt. Der Amerikaner Greg LeMond attackiert 1985 seinen Teamkollegen Hinault am berühmten Tourmalet, schließt mit dem aber einen Nichtangriffspakt und erhält das Versprechen, dass Hinault ihn im nächsten Jahr unterstützen werde. Die Duellanten schließen sich zusammen zum Duell mit dem Rest der Welt. Bei der nächsten Tour kommen sie beim Anstieg nach L’Alpe d’Huez Hand in Hand ins Ziel, die Gesamtwertung gewinnt LeMond.

Die Tour de France
Einzelkämpfer: Das Titelmotiv von "Adler ohne Krallen".Alle Bilder anzeigen
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07.07.2012 17:12Einzelkämpfer: Das Titelmotiv von "Adler ohne Krallen".

Der Amerikaner hatte zwei Jahre wegen eines beinahe tödlichen Unfalls gefehlt und Hinault seine Karriere inzwischen beendet, als Laurent Fignon 1989 zum tragischen Helden der knappsten Entscheidung in der Geschichte der Tour wird. Nach mehr als 87 Stunden im Sattel beträgt Fignons Vorsprung vor der letzten Etappe 50 Sekunden. Doch beim Einzelzeitfahren von Versailles nach Paris gelingt LeMond noch die Wende. Als er drei Kilometer vor dem Ziel auf die Champs-Elysées biegt, ist der Rückstand auf fünf Sekunden geschmolzen, LeMond gewinnt das dramatische Finale schließlich um acht Sekunden.

Das spektakuläre Comeback LeMonds hätte als Erzählung eigentlich genügt für die drei Wochen im Juli. Es gibt auch Jahre ohne lange im Gedächtnis bleibende und fortlebende Duelle wie jene von Jacques Anquetil mit dem genau dafür geliebten ewigen Zweiten Raymond Poulidor in den Sechzigerjahren oder dem des fünfmaligen Tour-Siegers Eddy Merckx mit Bernard Thévenet, als Merckx 1975 300 Meter vor Ende einer Etappe von einem Zuschauer mit einem Faustschlag vom Rad geholt wird, sich aber mit dem Gelben Trikot noch ins Ziel rettet. Am Tag darauf verliert er es aber an den späteren Gesamtsieger Thévenet. Bis heute wird gemutmaßt, ob es an dem Lebertreffer lag. Ungeklärte Duelle sind die dauerhaftesten.

Die Form des expliziten Duells gab es da schon lange, spätestens Gino Bartali und Fausto Coppi hatten schon 1949 damit angefangen. Bartali hatte die Tour bereits elf Jahre zuvor, 1938, gewonnen und war auch diesmal Titelverteidiger. Es ist die Geschichte von den zwei Freunden, die zu erbitterten Rivalen werden. Bei einer Abfahrt kommt der Gesamtführende Bartali von der Straße ab. Coppi fährt an diesem Tag ins Gelbe Trikot und triumphiert schließlich.

Seitdem gilt es, immer ein Duell zu haben. Wenn sich keines aufdrängt, muss man eben eines basteln, so wie wohl in diesem Jahr. Favorit Christopher Froome war im vergangenen Jahr Zweiter, es gibt keine mitreißende Geschichte über ihn, die für große Ausgangsdramatik sorgt. Der Brite hält den zwei Jahre lang wegen Dopings gesperrten Spanier Alberto Contador für seinen härtesten Rivalen. Immerhin eine gewisse Fallhöhe. Doch Froome sagt auch: „Ich denke, es gibt eine ziemlich große Zahl von Anwärtern auf das Gelbe Trikot, vielleicht sechs, sieben konkurrenzfähige Jungs.“

Motive für eine Geschichte mit allen gibt es grundsätzlich genug. Ein Duell ist aber spannender.

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