Sport : Die 90 Sekunden danach

Dänen und Schweden wehren sich gegen den Vorwurf, ihr 2:2 sei abgesprochen gewesen

Sven Goldmann[Porto]

Was sind schon 90 Minuten, ein ganzes Fußballspiel, gegen 90 Sekunden Nachspielzeit, wenn sich in dieser Schicksale entscheiden? Am späten Dienstagabend haben sich Schweden und Dänemark im Estadio do Bessa zu Porto ein mitreißendes Spiel geliefert, mit hohem Tempo und vielen Torchancen auf beiden Seiten und einem indirekten Verlierer, der Italien hieß. Eben deswegen wurde später nicht über die dramatischen 90 Minuten geredet, sondern nur über die langweiligen 90 Sekunden danach. Ein seltsames Stück Fußball, das da zum Abschluss der Gruppe C bei der EM gegeben wurde.

In Porto läuft die vorletzte Spielminute, Schweden hat durch Mattias Jonson gerade den 2:2-Ausgleich erzielt. Das bedeutet Platz eins und damit die Qualifikation für das Viertelfinale. Ein Gegentor aber kann aus diesem ersten Platz schnell einen dritten machen, weil zur selben Zeit Italien das 2:1 gegen Bulgarien gelingt. Bei einem 2:2 im skandinavischen Duell sind die Italiener wegen der weniger geschossenen Tore in den direkten Vergleichen raus. Die Dänen haben Anstoß, die Nachspielzeit beginnt. Schwedens Torhüter Andreas Isaksson bekommt den Ball und will ihn nach vorn dreschen, da schaltet sich Freddy Ljungberg ein. Seine Anweisung lautet: Wirst du wohl den Ball behalten! Der Torhüter gehorcht. Zehn, zwanzig Sekunden lang liegt der Ball verwaist im schwedischen Strafraum, weil auch die Dänen nichts riskieren wollen. Bei einem weiteren schwedischen Tor ist das Turnier für sie beendet.

Irgendwann wird Isaksson die Angelegenheit unangenehm, und er spielt ab zu Olof Mellberg. Der zögert, schaut nach vorn und schiebt den Ball fünf Meter weiter auf Erik Edman. Der entledigt sich aller Unannehmlichkeiten mit einem Kurzpass auf Andreas Jakobsson. Dieses Spielchen wiederholt sich noch ein paar Mal. Eine Minute lang schieben sich die drei den Ball zu. Dann pfeift Schiedsrichter Merk ab, und die Schweden stürmen den Platz, tanzen und lachen. Die Dänen wenden sich ab – verschämt oder traurig, weil sie nun im Viertelfinale gegen die starken Tschechen spielen müssen?

Erinnerungen werden wach an ein Vorrundenspiel bei der WM 1982 im spanischen Gijon. Damals brauchte Deutschland zum Einzug in die zweite Runde unbedingt einen Sieg gegen die Österreicher, die wiederum nicht höher als mit einem Tor Differenz verlieren durften. Nach zehn Minuten schoss der Hamburger Horst Hrubesch das 1:0, danach stellten beide Teams das Fußballspielen ein. Zum Schaden des machtlosen Dritten Algerien, und zum Unmut der Zuschauer, die mit Geldscheinen wedelten. War Porto das portugiesische Gijon?

Dieser Vergleich ist schon deshalb unangemessen, weil der Nichtangriffspakt in Porto nicht für 80 Minuten, sondern für 90 Sekunden geschlossen wurde. Auch scheint es abwegig, vorab ein 2:2 zu vereinbaren, mit Pfostenschüssen, Großchancen im Minutentakt und einem Ausgleich in letzter Minute. Genau so eine Absprache aber hatten die Italiener prophezeit. Dänemarks Trainer Morten Olsen verweigert zu „diesen lächerlichen Unterstellungen“ jeden Kommentar. Sein Stürmer Jon Dahl Tomasson, mit zwei Toren der überragende Mann auf dem Platz, spielt beim AC Mailand in Italien. Absprache? Nie im Leben, sagt Tomasson. Und doch tun ihm die Italiener Leid, „denn Dänemark und Italien waren die besten Teams in dieser Gruppe“.

Die Schweden parieren diesen Hieb gelassen. „Es ist mir egal, wer besser oder schlechter war“, sagt Trainer Lars Lagerbäck. „Wir haben uns das Viertelfinale verdient. Und die Italiener sollten sich das Video unseres Spiels anschauen. Wer dann noch sagt, dass dieses Ergebnis verabredet war, der versteht nichts vom Fußball.“

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