Sport : Die Absteiger machen Krawall

Fans randalieren in Genua – das Verfahren zur Zwangsversetzung ihres Klubs gefährdet den Saisonstart

Paul Kreiner[Rom]

In der Nacht haben sie in Genua gewütet. Sie haben Autos und Müllcontainer angezündet, zu Tausenden haben sie sich, stundenlang, mit der Polizei geprügelt: Die Fans des FC Genua 93 wollten den Zwangsabstieg ihrer Mannschaft nicht hinnehmen. Drittklassig werden, im wahrsten Sinne des Wortes – das war zuviel für die gewaltbereiten Fans des ältesten italienischen Fußballklubs.

Montagabend hatte es zunächst eine friedliche Demonstration von mehr als 2000 Fans gegen den vom italienischen Fußballverband verfügten Zwangsabstieg gegeben. In der Nacht zu Dienstag eskalierte dann die Gewalt. Polizisten wurden mit Flaschen beworfen, Tränengas kam gegen die Randalierer zum Einsatz.

Die Fans randalierten, obwohl die Beweise gegen ihren Klub eindeutig wie selten auf dem Tisch liegen: Genau vor dem Büro des Vereinspräsidenten Enrico Preziosi hatte die Polizei einen Geldkurier abgefangen. In seinem Aktenkoffer steckten 250 000 Euro. „Vorgezogene Zahlung an Venedig für den Wechsel eines Spielers“, nannten die Genuesen das wenig plausibel. Aber dann schaute man sich jene Partie näher an, mit der Genua vor drei Wochen, nach zehn Jahren B-Liga, den Aufstieg in die A-Klasse geschafft hatte. 3:2 gegen das am Rande des Abgrunds stehende und mittlerweile bankrotte Venedig – für die Ermittler in der Liga und beim Staat roch das auffällig nach Absprache.

Der Fall ging durch alle Instanzen, Präsident Preziosi ist mittlerweile zurückgetreten, und dieser Tage wurde das Urteil gesprochen: Genua steigt nicht in die Erste Klasse auf, sondern in die C-Liga ab. „Da spielen wir nie und nimmer“, schrien die Anführer der Fanklubs. Die Anwälte, Millionenschäden für Stadt und Verein geltend machend, zogen vor das Zivilgericht. Da waren sie in dieser Sache noch nie, und – siehe da – sie erreichten am Dienstag eine spektakuläre Einstweilige Verfügung: Der italienische Fußballverband darf bis zur definitiven Entscheidung über das Schicksal Genuas die Einschreibungen zur neuen Saison nicht abschließen. Folge: Der für 28. August geplante Ligastart fällt bis auf Weiteres aus.

Erst vor zehn Tagen hatten die Sizilianer revoltiert: „Messina bleibt in der Serie A, oder es gibt Krieg!“, hieß es blutrot auf ihren Transparenten. Fans blockierten die Meerenge zwischen Kalabrien und Sizilien. Keine Fähre fuhr. Sizilien war isoliert. Messina war, wie Dutzende anderer Mannschaften der ersten drei Ligen, durch mehrere Verbands- und Gerichtsinstanzen gerauscht. Der Klub befand sich gegenüber dem Finanzamt und der Sozialversicherung mit 34 Millionen Euro im Rückstand. Andere waren noch schlimmer dran: Der AC Turin, der „granatrote Stier“, wie die Fans voll männlichem Stolz ihren Verein nennen, hätte 40 Millionen Euro nachzahlen müssen, um den auf dem Spielfeld knapp erkämpften Aufstieg in die A-Liga feiern zu können.

Messina hat es geschafft: Das Verwaltungsgericht legte die liga-intern als „definitiv und endgültig“ festgesetzten Erklärungsfristen eher großzügig aus und akzeptierte einen verspätet eingereichten Stundungsvertrag mit der Region Sizilien. Das heißt: Messina bleibt in der Ersten Liga, die Fans sind beruhigt in die Ferien gefahren. Der Fall Turin hängt immer noch. Insgesamt 631 Millionen Euro, so hat es unlängst die zuständige Parlamentskommission festgestellt, schulden Italiens Spitzenvereine zur Zeit dem Fiskus. Das ist im Prinzip jedes Jahr so, auch ist das jedes Jahr genauso illegal wie zwölf Monate zuvor, und alle Jahre wieder bricht vor Saisonbeginn das Chaos herein. Aber eine solche Randale wie jetzt in Genua, das ist dann doch neu.

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