Sport : Die achtmalige Deutsche Meisterin beendet nun die Zeit der Qualen

Helen Ruwald

Die Zeit der gestreckten Zehen ist vorbei. Sofern Füße, die jahrelang über Schwebebalken gehüpft sind, um Höchstnoten zu bekommen, überhaupt eine Krümmung zustande bringen können.

Yvonne Pioch, die achtmalige Deutsche Meisterin, trainiert jeden Morgen um halb Neun im Sportforum Hohenschönhausen. Immer noch, obwohl sie ihre Karriere nach zehn Jahren Leistungssport gerade beendet hat. Aber jetzt quält sie sich nicht mehr, sondern macht zum Abtrainieren nur noch, "was mir leicht fällt, Handstand oder Flickflack, keinen Salto mehr", erzählt Pioch vergnügt. Manchmal stellt sie im Balletsaal Musik an und tanzt einfach so vor sich hin, ganz allein.

Viel gegrübelt hat sie in den letzten Wochen. Ein bisschen war es wie bei dem Gänseblümchenspiel: Rücktritt, kein Rücktritt, Rücktritt ... "Das ging jeden Tag hin und her." Das Leiden begann im Herbst 1998 als Yvonne Pioch an Pfeifferschem Drüsenfieber erkrankte. Sie konnte ein halbes Jahr nur wenig trainieren. Sie kämpfte sich wieder heran, steckte Rückfälle weg, verletzte sich am Fuß. Und schaffte den Sprung in den Kader für die WM in China im vergangenen Oktober. Das Team verpasste aber die Qualifikation für die Olympischen Spiele und Bundestrainer Dieter Koch sprach vom "Super-Gau". Damit watschte er seine Turnerinnen in der Öffentlichkeit ab. Und das nach dieser Schinderei.

Vier Weltmeisterschaften hatte sie geturnt, war bei Olympia in Atlanta. Sie wollte auch nach Sydney, "aber die Chance war zu gering." Als 19-Jährige gehört sie schon zu den Alten, die Jüngeren drängen nach. Außerdem ist der Körper angeschlagen und anfällig für Erkältungen. Nach Gesprächen mit ihren Eltern und Trainer Steffen Gödicke entschied sie sich zum Rücktritt. Sie ist erleichtert, doch Zweifel bleiben. "Ich komme in die Halle und die anderen trainieren voll. Ich hätte es gern geschafft", sagt Pioch und ihre Stimme kippt, so als sei es nicht einfach, darüber zu reden, "aber so ist es das Beste."

Sowohl Gödicke als auch die Verantwortlichen vom Deutschen Turnerbund und vom Olympiastützpunkt hätten ihre Entscheidung akzeptiert, "die waren toll". Sie gehört weiterhin zur Sportfördergruppe der Bundeswehr sowie zum B-Kader und bekommt Sporthilfe. Weil sie "viel getan" habe für das Turnen, so hat man es ihr erklärt. Ein Abschied in Raten, das macht es etwas leichter.

Und nun? Ein bisschen Angst hatte sie, "dass mir langweilig wird und ich nicht weiß, was ich tun soll". Momentan sieht es aber nicht so aus. Pioch trainiert jetzt die ganz Kleinen, die Erstklässler. An der Volkshochschule belegt sie einen Computerkurs, hat richtigen Urlaub geplant und geht mit Freunden zum Dart, Bowling oder ins Kino. Dinge, für die im Leistungssport keine Zeit war. Im kommenden Jahr beginnt sie eine Ausbildung bei einer Krankenkasse. Statt über den Schwebebalken läuft sie künftig nur noch von Tisch zu Tisch. Das sei viel besser, als Trainerin zu werden, findet sie. "Noch 50 Jahre in der Halle? Nein Danke!"

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