Sport : "Die älteren Spieler dürfen nicht abgezockt sein"

Tagesspiegel Interview mit dem Trainer von Hertha BSC Jürgen Röber vor dem Rückrundenstart FRAGE: Heißt der Trainer von Hertha BSC auch in der nächsten Saison Jürgen Röber? RÖBER: Davon gehe ich aus.Bis zum Wochenende könnte die Vertragsverlängerung unter Dach und Fach sein. FRAGE: Als Michael Hartmann ein gutes Hallenturnier spielte und danach angeblich viele Vereine an ihm interessiert waren, verlängerte man seinen Vertrag binnen weniger Tage.Beim Trainer und Manager haben es Präsidium und Aufsichtsrat offenbar nicht so eilig. RÖBER: Das Signal, daß man mich halten will, hat man mir schon vor Weihnachten gegeben. FRAGE: Sie haben gesagt, daß Sie auch im Falle des Nicht-Aufstiegs in Berlin bleiben.Welche Bedingungen würden Sie dann stellen? RÖBER: Konkret möchte ich dazu nichts sagen.Nur soviel: Wir müßten uns auch dann verstärken.Da wäre natürlich die Ufa gefordert. FRAGE: Im Falle des Aufstiegs müßte die Ufa dann wohl noch einiges mehr investieren. RÖBER: Das liegt auf der Hand.Beim letzten Aufstieg Herthas sind ja einige Fehler gemacht worden.Die dürfen wir dann nicht wiederholen. FRAGE: Vor nicht allzu langer Zeit hatte das Präsidium die Parole ausgegeben, mit jungen Berliner Talenten den Aufstieg langfristig anzupeilen.Als Sie und Manager Carl-Heinz Rühl kamen, wurde das alles über den Haufen geworfen.Es wurden alternde Stars geholt - und der Erfolg ist da.War das alte Rezept falsch? RÖBER: Ja.So etwas kann man speziell in Berlin nicht machen.Der Mediendruck auf die jungen Spieler wäre viel zu groß, dem könnten sie auf Dauer nicht standhalten.Aber auch anderswo ist so etwas nicht zu verwirklichen.Auch in Bremen klappte es erst, als Otto Rehhagel Routiniers holte.Und Arminia Bielefeld hatte erst Erfolg, als Trainer Ernst Middendorp mit Uli Stein, Fritz Walter und Thomas von Heesen Stars an Land zog.Allerdings dürfen die älteren Spieler nicht abgezockt sein, müssen noch unbedingten Leistungswillen offenbaren. FRAGE: Nun sind während Ihrer Trainerzeit bei Hertha allerdings auch ältere Spieler wie Rraklli, Preetz, Sauer, Kober und Götz geholt worden, die mehr oder weniger auf der Reservebank sitzen. RÖBER: Kober war zwei Drittel der Hinrunde für uns wichtig, Preetz hat seine Tore gemacht.Götz war monatelang verletzt, er ist mit seiner positiven Art aber wichtig für die Mannschaft.Bei Sauer ist nach seiner Verletzung vielleicht noch einiges hängengeblieben, Rraklli hat aus seinen Fähigkeiten leider zuwenig gemacht.Seine Leistungen sind viel zu schwankend. FRAGE: Bei Ihrem Amtsantritt haben Sie attraktiven Fußball mit Herz versprochen.Seit einiger Zeit lassen Sie nur mit anderthalb Sturmspitzen, also mit Uwe Weidemann hinter Axel Kruse, spielen.Ist das Ausdruck eines gewissen Sicherheitsdenkens nach dem Motto: Auch mir sitzt das Hemd näher als der Rock?. RÖBER: Grundsätzlich sind wir unwahrscheinlich offensiv ausgerichtet.Wir spielen mit ganz offensiven Mittelfeldspielern, auch Steffen Karl muß sich als Libero immer wieder in den Angriff einschalten. FRAGE:Ein offensiver Mittelfeldspieler kann keinen Reißer im Sturm ersetzen. RÖBER: Sicher nicht.Aber wir dürfen auch nicht vergessen, daß sich die Gegner hier im Olympiastadion stets kompakt hinten reinstellen.Wenn ich den langen Preetz da vorn postiere, stehen die langen Abwehrspieler dem nur auf den Füßen.Wir brauchen Leute, die spielstark sind, die in die Löcher hineinstoßen.Und da ist Uwe Weidemann der Richtige.Der hat ein Riesenpotential.Hier in Berlin hatte man lange nicht so einen Fußballer. FRAGE: In Berlin erwartet fast jeder, daß Hertha am Saisonende aufsteigt.Wie leben Sie und die Mannschaft mit diesem Erwartungsdruck? RÖBER: Wichtig ist, daß alle von sich überzeugt sind.Wir dürfen nur nicht so arrogant sein zu glauben, daß wir schon durch sind.Ich selbst bräuchte mir jedenfalls keinen Vorwurf zu machen, wenn es nicht klappt.Ich kenne einige Trainer wie Karlheinz Feldkamp, die kamen gar nicht oder viel zu spät zum Training.So etwas gibt es bei mir nicht. FRAGE: Sie haben wiederholt gesagt, daß Sie mit der Medien-Szene in Berlin Probleme haben.Sind die inzwischen behoben? RÖBER: Nein.Mir fällt immer wieder auf, daß hier Fußballer nach zwei, drei guten Spielen gleich zu Nationalspielern hochgejubelt werden, nach ein, zwei schlechten werden sie in Stücke zerrissen.Die Diskrepanz ist ungewöhnlich groß.Nicht von ungefähr haben soviele Talente Berlin den Rücken gekehrt.Und wenn wir nach guten Spielen in Meppen nur 1:1 spielen, werden wir als Deppen und Feiglinge hingestellt.So etwas begreife ich nicht. FRAGE: Und mit einem Großteil der Fußball-Anhänger haben Sie auch so Ihre Probleme. RÖBER: Man muß dabei berücksichtigen, daß die Zuschauer in den vergangenen Jahren oft von Hertha enttäuscht wurden.Als ich hierher kam, haben von zehn Fußballfans neun von der Scheiß-Hertha gesprochen.Inzwischen hat wohl jeder begriffen, daß wir hier harte, ehrliche Arbeit leisten.Gestern hat ein Autofahrer mitten auf der Straße angehalten, die Fensterscheibe runtergekurbelt und gerufen: "Ich drücke Euch die Daumen.Hoffentlich steigt Ihr endlich auf." Das macht mir Mut.

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