Sport : Die Ära des Grauens

-

Stefan Hermanns über die blasse Symbolfigur des deutschen Tennis

Es gibt in der deutschen Sportgeschichte einige historische Daten, die sich vermutlich auf immer im kollektiven Gedächtnis festgesetzt haben. Der 4. Juli 1954 ist so ein Datum, das Wunder der deutschen Fußballer von Bern. Oder der 7. Juli 1985, als Boris Becker zum ersten Mal das Tennisturnier von Wimbledon gewann. Der 21. September 2003 passt nicht in diese Reihe, und doch hängt dieses Datum eng zusammen mit jenem Sonntag im Juli 1985. Gestern Mittag ist in Sundern die Ära Becker endgültig zu Ende gegangen. Was in der Weltstadt London vor 18 Jahren begann, fand in der sauerländischen Provinz gewissermaßen seinen passenden Abschluss.

Das DaviscupSpiel gegen die Weißrussen in Sundern sollte eine neue Ära im deutschen Tennis begründen. Wenn das stimmt, dürfte es eine Ära des Grauens werden. Zum ersten Mal seit 20 Jahren muss das deutsche Daviscup-Team wieder in der Zweiten Liga spielen. „Das ist weder eine Katastrophe“, sagte Georg von Waldenfels, „noch geht davon die Tenniswelt unter.“ Mit der zweiten Aussage hat der Präsident des Deutschen Tennis-Bundes (DTB) zweifelsohne Recht. Das Wohl der Tenniswelt ist schon lange nicht mehr von den Deutschen abhängig, die zu Zeiten von Becker, Stich und Graf noch das Geschehen bestimmt haben.

Es passt ins Bild, dass am Tag des Daviscup-Debakels auch noch Anca Barna ihren Rücktritt aus dem Fedcup-Team bekannt gegeben hat – aus Verärgerung über Teamchef Klaus Eberhard. Barna ist die Vertreterin einer selbstmitleidigen Tennisspielerinnen- Generation, für die immer die anderen schuld sind. Das deutsche Tennis leidet längst an Selbstüberschätzung in fortgeschrittenem Stadium, und bei den Frauen ist es noch schlimmer als bei den Männern.

Von Waldenfels glaubt immer noch, dass das deutsche Daviscup-Team „in die Weltklasse gehört“, in Wirklichkeit ist die Mannschaft bestenfalls Mittelmaß, und mit Rainer Schüttler hat das Mittelmaß das passende Gesicht gefunden. Der derzeit einzige deutsche Spieler von internationalem Format hat sich in diesem Jahr zwar kontinuierlich nach oben gearbeitet, sogar ein Grand-Slam-Finale erreicht. Aber Schüttler versteht es mit seinem emotionsarmen Spiel nicht, das Volk für sich zu begeistern. Boris Becker war in seiner besten Zeit nicht nur ein außergewöhnlicher Tennisspieler, er war im Daviscup auch ein gefeierter Volkstribun. Rainer Schüttler hat es gestern leichtfertig versäumt, sein legitimer Nachfolger zu werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben